Nathan Englander

Das Ministerium für besondere Fälle

Roman
Cover: Das Ministerium für besondere Fälle
Luchterhand Literaturverlag, München 2008
ISBN 9783630872599
Gebunden, 445 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Michael Mundhenk. Auf dem alten jüdischen Friedhof von Buenos Aires, durch eine hohe Mauer vom respektablen Rest getrennt, liegen Zuhälter, Ganoven und Huren begraben. Kaddisch Poznan, selbst Jude und Sohn einer Hure, profitiert von der Scham der Nachkommen, denn gegen ein Handgeld meißelt er nachts die Namen von den Grabsteinen. Sein Sohn Pato verachtet ihn deswegen. Anstatt ihm zu helfen, geht er lieber in Diskos und träumt mit seinen Freunden, den Joint in den Fingern, von der Weltrevolution. Kaddischs Frau Lillian sorgt mit ihrem Job bei einer Versicherungsagentur für den Unterhalt der Familie, obwohl sie sich ihr Leben anders vorgestellt hat.
Im Buenos Aires der siebziger Jahre boomt das Versicherungsgewerbe, da zu viel Unwägbares passiert: Die argentinische Militärdiktatur führt einen "Schmutzigen Krieg" gegen die eigene Bevölkerung, in dem Tausende von Unschuldigen spurlos verschwinden. Eines Tages geschieht dann genau das, was Kaddisch und Lillian um jeden Preis verhindern wollten: Pato wird von Männern in grauen Anzügen abgeholt. Und für die beiden beginnt eine lange, immer absurdere Suche nach dem verlorenen Sohn, die stets zu dem rosa Gebäude an der Plaza Mayor führt, dem Ministerium für besondere Fälle...

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 24.07.2008

Ganz angetan, wenn auch nicht durchweg begeistert, ist Rezensent Georg Diez von diesem Roman, der seinen Informationen zufolge in Argentinien zur Zeit der Militär-Junta in den siebziger Jahren spielt und eine autobiografisch anmutende Vater-Sohn-Geschichte erzählt. Den Rezensenten beeindruckt, wie es dem Autor Nathan Englander gelingt, sein realistisches Thema mit der poetischen Leichtigkeit eines Isaac Bashevis Singer zu erzählen. Als Manko empfindet Dietz allerdings, dass dem Roman eine Spur zu explizit die Ambition anzumerken ist, "das Große, das Politische, das Relevante" zu wagen, der dabei dann seinem Eindruck zufolge eher steife, manchmal stolpernde Eleganz produziert, statt existenzielle Erfahrung. Dass der Held des Buchs nach dem jüdischen Totengebet dann auch noch Kaddisch heißt und sein Geld damit verdient, auf jüdischen Friedhöfen die Namen der Vorfahren seiner, nach Identitätsverwischung strebenden Auftraggeber von den Grabsteinen zu entfernen, verstärkt beim Rezensenten den Eindruck des "leicht Gekünstelten", "Ausgedachten" und damit letztlich auch einer fehlenden Dringlichkeit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.07.2008

Begeistert ist Thomas David von Nathan Englanders Erzählung "Das Ministerium für besondere Fälle", die von der jüdischen Familie Poznan handelt, deren Sohn der argentinischen Militärdiktatur Ende der siebziger Jahre zum Opfer fällt. Humorvoll und eigenwillig sei die Geschichte über endlose Mutterliebe, jüdische Identität und die Freiheit des Denkens, in deren Zentrum ein kafkaesk bürokratisches Gebilde die Fäden zieht. Der Rezensent schwärmt vom Mut des Autors zur gefühlvollen Überzeichnung, die die Realität immer wieder mit Absurditäten durchziehe. Genial findet er die übertriebenen Klischees, die gängige Stereotypen offenlegen. Englanders Roman sei "kaum weniger spritzig als der Korkenflug über einer Champagnerflasche" fabuliert der Rezensent hingerissen und merkt an, die eigentliche Stärke der Erzählung liege jedoch in der Fähigkeit des Autors, seinen Figuren wahre Menschlichkeit zu verleihen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2008

Großes Buch, meint Rezensent Andrea Neuhaus. Wie Nathan Englander seinen sympathischen Helden auf der Suche nach seinem verschwundenen Sohn gegen die argentinische Militärdiktatur antreten lässt, findet sie nicht nur stilistisch fabelhaft. Fern von hartem Realismus und erzählerischer Eitelkeit, wie Neuhaus erklärt, und in der Tradition jüdischen Erzählens stehend, erscheint ihr der Roman als Parabel auf das Ringen des Einzelnen mit der Diktatur. Wenn der Autor den "Trost der Tradition" gegen die Fiktion von der Berechenbarkeit der Welt ins Spiel bringt und den Protagonisten als modernen Hiob auftreten lässt, gerät Neuhaus ins Schwärmen.