"Self Service City: Istanbul" thematisiert aus unterschiedlichen Blickwinkeln die faktische Neugründung der 2700 Jahre alten "Megapolis": Seit 1950 ist Istanbul von einer Million Einwohner durch Zuwanderung auf über zehn Millionen angewachsen. Auf besetztem Land errichteten die ländlichen Arbeitsmigranten zunächst in Selbsthilfe ihre Gecekondus. Innerhalb eines halben Jahrhunderts entwickelten sich diese informellen "Ersatzstädte" städtebaulich, kulturell und politisch zu einer der bedeutendsten Komponenten der "selbstgemachten" Metropole. Eine Entwicklung, die von bürgerlichen Urbanitätsdiskursen oftmals nur als zerstörerische Invasion des bestehenden Istanbuls wahrgenommen wurde...
Überzeugend findet Rezensent Dietmar Kammerer die beiden neuen Bände über die Zukunft der Mega-Cities aus der Edition "metroZones", die sich konkret mit Istanbul beziehungsweise Rio de Janeiro und Buenos Aires befassen. Die Reihe will laut Kammerer einen Beitrag zum internationalen Stadtdiskurs liefern, der sich mit den "Marginalien des Stadtbewusstseins" befasst, mit den vom etablierten Diskurs übers Urbane verdrängten oder gering geschätzten "widerständigen Praktiken des städtischen Alltags". Erfreulich findet er, dass die Herausgeber dabei weniger auf die theoretische Diskussion setzen, als auf eine "dichte Beschreibung" beispielhafter Aktivitäten städtischen Alltags, und dass die Ansätze der Beiträge entsprechend zwischen Interviews, Reportagen, Abhandlungen oder tagebuchartigen Aufzeichnungen wechseln. Die Bedeutung der Beiträge über die armen Randgebiete sieht Kammerer insbesondere darin, dass eben in diesen Gebieten die "Zukunft des Städtischen" definiert werde. Er hebt hervor, dass die Beiträge auch mit mehreren Mythen aufräumen, etwa dem, dass von der Staatsferne der illegal errichteten Wohngebiete, oder dem, dass die Ungesetzlichkeit der Ansiedlungen den Regierungen nur ein Dorn im Auge gewesen wäre.
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