Sigmund Freud

Unser Herz zeigt nach dem Süden

Reisebriefe 1895-1923
Aufbau Verlag, Berlin 2002
ISBN 9783351029449
Gebunden, 400 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Christfried Tögel unter Mitarbeit von Michael Molnar. Mit 152 Abbildungen. In den erstmals veröffentlichten Reisebriefen Sigmund Freuds an seine Familie entdecken wir eine andere Seite des Begründers der Psychoanalyse: den genussfreudigen Sinnenmenschen, dessen Erlebnisfähigkeit grenzenlos zu sein scheint. Die Toskana und Sizilien hatten es ihm angetan und natürlich Rom, das er siebenmal besuchte. Ihn reizte das Hochgebirge, er bereiste Südtirol und die Schweiz, aber auch Griechenland, England, Amerika und Holland. Rascher Ortswechsel und ein Tagesablauf ohne Zeitplan entfernten Freud wohltuend von seinem strenggeregelten Wiener Arbeitsalltag. Ein immenses Besichtigungspensum hielt ihn nicht davon ab, in vollen Zügen zu genießen: die landschaftlichen Schönheiten, das Essen, die Früchte, den Wein, komfortable Hotels und erstklassigen Service.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.06.2002

Freud mal anders. Wer in diesem Band mit Reisebriefen (mehr Postkarten Sind's in Wahrheit) Freuds an Frau und Kinder Tiefsinniges über Mensch und Kultur oder auch nur fein stilisierte Landschaftseindrücke erwartet, den muss der Rezensent enttäuschen. Wen dagegen "zugespitzte Formulierungen und "wundersame Verknüpfungen" ("Vesuv raucht nicht" - "Wir rauchen hier englische Pfeifen") beglücken, so versichert Bernd Nitzschke, der kommt auf seine Kosten und erhält obendrein "gelehrsame Auskunft durch den Herausgeber" nebst hübschen zeitgenössischen Postkartenansichten. Freud berichte "atemberaubend und nüchtern zugleich" ganz ohne selbstanalytische Ambition, dafür aber mit Selbstironie und in einem Stil, den jeder kennt, der schon mal eine Postkarte geschrieben oder erhalten hat: "Schön. Luft staubig ... Jetzt hungrig. Gruß Pa."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.06.2002

Rezensent Michael Schröter schwärmt geradezu von dem von Christfried Tögel herausgegebenen und "kompetent" erläuterten, "schönen, reich bebilderten" Band, der Freuds Reisebriefe an seine Familie versammelt. Auf Anhieb erkennbar ist für Schröter der scharfe Beobachter Freud, ein Schriftsteller ersten Ranges. Neben einigen Briefen, die Schilderungen der südlichen Landschaften, Museen, Palästen, Kirchen und Ruinen in "behaglicher Breite" enthalten, findet Schröter Postkarten mit gedrängten Nachrichten, die einen Eindruck von Freuds "unersättlichen Beobachtungslust und Erlebnisgier" vermitteln. Besonders gefällt Schröter, dass die vorliegenden Reisebriefe an die Familie - im Unterschied etwa zu Briefen an seine Schüler - einen Freud zeigen, der "nicht so sehr konzentriert, gezügelt und zur Größe stilisiert, sondern unangestrengt, lebhaft, alltäglich" ist.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.03.2002

Als unentwegten Arbeiter "Jenseits des Lustprinzips" (so einer seiner berühmten Titel) ist Freud innerhalb der Wissenschaftsgeschichte bekannt. Mit der ersten Ausgabe von Freuds Reisebriefen lernt der Leser einen anderen Freud kennen - das " bisherige Freud-Bild wird bedeutend erweitert", lobt Rezensent Ludger Lütkehaus den Band, den Christfried Tögel herausgegeben hat. Denn der andere Freud zählte nicht nur die Psychoanalyse und die Archäologie, sondern auch das Reisen zu seinen Leidenschaften. Vergnügungs- und Erholungsreisen, bei denen er sich, um den Analytiker selbst zu Wort kommen zu lassen, "kreuzfidel", "paradiesisch", herrgöttlich" präsentiert - "nichts als Genuss und Behagen" empfinde er dabei. So sind die Briefe aus den Jahren 1895 bis 1923 an die Familie, wie Lütkehaus urteilt, weder im psychoanalytischen noch im biografisch-voyeuristischen Sinne von Interesse. Wohl aber, um neben dem "großen Stoiker der Neuzeit" einen "ebenso großen Epikureer" und "praktizierenden Hedonisten" kennen zu lernen. Unterstrichen werde dieser Lese-Mehrwert durch die schöne Ausstattung des Buchs, das zahlreiche zeitgenössische Postkarten beinhalte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.03.2002

Wer hätte das gedacht - der Sigi komplett aufgelöst. Ulrich Raulff jedenfalls reibt sich die Augen angesichts eines Freuds, "von dem nur Spezialisten und Blasierte behaupten werden, sie hätten ihn so schon gekannt". Da sucht einer das Abenteuer auf Reisen und findet es: Als "träumerisches Zurücksinken in die Kindheit", "intensiv erlebte Wiederkehr der Alten Welt" und "selige Irrfahrt ins Fremde". Dazwischen immer wieder "anhaltende faultierhafte Glückszustände", dem Leser vermittelt im "klassischen Stilideal der brevitas" und mitunter an Wilhelm Busch erinnernd. "Hinreißend", schluchzt Raulff, reißt sich zusammen und erwähnt pflichtschuldig, dass natürlich auch der schöpferische Freud seine Auftritte hat in diesem Band, dass sich in manchem Brief "Ahnungen und Stimmungen plötzlich zu überraschenden Einsichten verdichten", mündend etwa in Deutungen wie jene zum "Moses des Michelangelo". Oder - ganz groß, meint Raulff - in das hier erstmals veröffentlichte Manuskript "Bemerkungen über Gesichter und Männer".
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