Ob ein Anzeigeverhalten als denunziatorisch gewertet, das heißt moralisch abgelehnt wird oder nicht, hängt im wesentlichen davon ab, ob der Wertende die Norm, deren Verletzung angezeigt wird, als legitim anerkennt oder nicht. Das gilt für die Wahrnehmung der Zeitgenossen wie für die des historischen Betrachters. Damit führt die Frage nach der Denunziation ins Herz der Demokratie. Sie fragt nach einer Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens, deren strafbewehrte Normen den Menschen nicht von außen auferlegt, sondern von ihnen selbst aus Überzeugung getragen werden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2008
Richtig dankbar zeigt sich Rainer Paris angesichts eines Aufsatzbandes zum Thema Denunziation. Was der Herausgeber Michael Schröter an Beiträgen versammelt hat, eröffnet dem Rezensenten moralische, soziologische und historische Aspekte des "willkommenen Verrats", bietet Begriffsanalyse und klärt "systematische Fragen" an "hochselektivem Material". Paris lernt, wann der Begriff seinen abwertenden Charakter erhielt, wie sich die "Dreiecksstruktur" des Verrats gestaltet und, "glanzvoll" in Schröters eigenem Beitrag, ob sich die Hexenverfolgung in diesen Zusammenhang einordnen lassen. Für Paris ein "instruktiver" Band mit Lücken zwar (etwa zur "Bespitzelung der Spitzel"), dessen Argumentation für ihn angenehm "eng am Material" entlang führt und der es vermeidet, wie er schreibt, allzu eindeutig zu sein.
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