Sherko Fatah

Onkelchen

Roman
Cover: Onkelchen
Jung und Jung Verlag, Salzburg - Wien 2004
ISBN 9783902144775
Gebunden, 300 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Am Beginn steht die Ermordung eines Schwans an einem Heiligen Abend in einer deutschen Stadt. Aber auch was dann erzählt wird, ist gezeichnet von den Spuren der Gewalt: die Geschichte einer Reise in den Norden des Irak um die Mitte der neunziger Jahre. Der, der sich zusammen mit einem Freund dorthin aufmacht, hat zuvor die Bekanntschaft eines älteren Mannes gemacht, den alle "Onkelchen" nennen und der von dort stammt und nun bei illegalen Flüchtlingen in Deutschland Unterschlupf gefunden hat. Seine neue Außenwelt bleibt ihm völlig fremd: er verstummt und behält so seine Geschichte für sich. Der versucht der Erzähler auf seiner Reise in das Land, das wiederum ihm völlig fremd bleibt, auf die Spur zu kommen: er erfährt davon wenig genug, dafür aber etwas über eine bizarr brutalisierte Gesellschaft und seine eigenen Grenzen des Verstehens.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.01.2006

Sabine Peters ist von dem Roman Sherko Fatahs, in dessen Mittelpunkt ein irakisches Folteropfer steht, das illegal in Deutschland lebt, sehr beeindruckt. Die Rezensentin macht die "große Qualität" des Buches daran fest, dass der Autor "Fremdheit und Distanz" durch das ganze Romangeschehen aufrecht erhält und damit demonstriert, dass nicht nur der gefolterte Iraker, sondern auch alle anderen Figuren fremd und "mehr oder weniger sprachlos" sind. Die Rezensentin fühlt sich mit "Onkelchen" an den Roman "Guantanamo" von Dorothea Dieckmann erinnert, sieht aber den "Schwerpunkt" des Autors ganz anders gesetzt. Während Dieckmann sich einem Gefangenen auf dem Weg der Einfühlung zu nähern versucht habe, stelle Fatah die Frage, ob es überhaupt möglich ist, "fremdes Leid zu verstehen", erklärt Peters. Nicht zuletzt in der Aufrechterhaltung der "Befremdung" sieht die begeisterte Rezensentin dann auch den "Wert" dieses "komplexen" Buches.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2004

Dieser Roman, so der Rezensent Niklas Bender, handelt von Entwurzelten. Doch während die Heimatlosigkeit der drei kurdischen Exilanten aus dem Irak - Rahman, Nina und das "Onkelchen", ein ehemaliger Lehrer, dessen Mund von der Folterern verstümmelt wurde - existenziell ist, handelt es sich bei dem Studenten Michael um einen Wohlstandsdrifter: offen für alles, weil ihn nichts hält, neugierig, weil ihm die Erfahrung fehlt. Michael will verstehen, doch das gelingt erst, als er während einer Fahrt in den Irak am eigenen Leib Gewalt erfäht. "Die harte Lehre: Verstehen ohne Erleben ist unmöglich, Erleben aber ist schmerzbeladen." Diese Echtheit des Erlebens und des Schmerzes ist es, was Bender an Fatahs Roman lobt. Dort, wo es anekdotisch zugeht, etwa im ersten Teil, als der Schauplatz Berlin ist, hat ihm das Buch nicht hundertprozentig zugesagt. Doch als es durch die karge Landschaft der kurdischen Berge geht, fühlt er die "echte Sorge, die Sherko Fatah zum Schreiben zwingt". Doch zum Glück: "Fatah ist zuerst Romancier, dann engagiert, und genau das lässt seine Texte schmerzhaft nahe kommen."
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