Sarah Kirsch

Tatarenhochzeit

Cover: Tatarenhochzeit
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), Stuttgart 2003
ISBN 9783421056917
Gebunden, 73 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Glück, Hoffnung, Verzweiflung, Liebe, Enttäuschung, Selbstaufgabe, Lebensmut: Wer zwischen den Zeilen lesen kann, liest in diesen Aufzeichnungen von Sarah Kirsch einen ergreifenden Lebensabschnitt, in dem sie, selbstverständlich nicht ganz unabhängig von den kulturellen Bedingungen in der DDR, an die Grenze ihres existentiellen Vermögens geriet und schließlich den "Rieselfeldern" doch entstieg, wie andere den Bleikammern. Es war wohl die dramatischste Zeit im Leben der Dichterin im Berlin der siebziger Jahre, und grausam sind auch die Begebenheiten im "Igor-Lied", das, übersetzt von der Autorin, in dieses poetische Dokument der Liebeswirren eingebettet ist.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.06.2003

Sarah Kirsch legt ein kleines poetisches Tagebuch vor, das in das Jahr 1974 zurückführt und Hans-Herbert Räkel von der Form her an ihre alten Prosagedichte (La Pagerie, Irrstern) erinnert. Inhaltlich allerdings beziehen die Notate ihren Stoff überwiegend aus dem Alltag, meint unser Rezensent: der Arbeit an einer Übersetzung, die vielen Freunde, der Sohn, die Liebe. Schon von der ersten Seite an gibt es die typischen kleinen Kirschmanierismen, die Räkel offensichtlich gut gefallen und ihn gleich heimisch werden lassen. Für nur bedingt reizvoll hält er allerdings das Ratespiel mit den Namen und Freunden aus DDR-Zeiten, das Kirsch gezielt einsetze, für jüngere Menschen jedoch kaum von Interesse sein könnte, wendet Räkel ein. Was das Buch seiner Meinung nach herausreißt, ist der "kompositorische Handstreich" der Autorin, ihre Übersetzungsarbeit aus dem Altrussischen (so erklärt sich auch der Titel) passagenweise zwischen ihre Notate und Alltagsskizzen einzuflechten. Diese Textstellen aus der altrussischen Igor-Erzählung sind von so großer Eindringlichkeit, freut sich Räkel, dass sie beinahe aus der Feder Sarah Kirschs stammen könnten - und auf gewisse Weise tun sie das ja auch.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.06.2003

Sarah Kirschs jüngster Prosaband führt in ihre DDR-Vergangenheit zurück, in die "mittleren siebziger Jahre", in eine Zeit der politischen Desillusionierung, die zugleich Sarah Kirschs schönste Liebesgedichte hervorbringen sollte, wie Rezensent Harald Hartung anmerkt. Ein Mini-Liebesroman bildet Hartung zufolge den Basso continuo der "Tatarenhochzeit", eine Liebe zwischen West und Ost, und das mag der Grund sein, warum die Liebesgedichte jener Zeit, die Hartung offensichtlich noch einmal gelesen hat, durchaus politische Momente enthalten. Jetzt, dreißig Jahre später, erscheint dieser Lebensabschnitt, kurz vor Kirschs Übersiedlung in den Westen, "merkwürdig besonnt", schreibt Hartung, ohne der Autorin damit Verklärung unterstellen zu wollen. Es zeigten sich durchaus auch Wolken am DDR-Himmel, aber Kirsch verfalle nicht nachträglich in "explizite Depression", hält Hartung fest. Für ihn schildert Kirsch in ihren Prosaminiaturen eine Freundeskultur, "wie sie nur unter den besonderen Begebenheiten der DDR" möglich war.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.05.2003

Samuel Moser ist hingerissen von Sarah Kirsch: von ihrer Nonkonformität, die sich auch in ihrer Prosa aufs Schönste ausdrücke. Moser gelingt es, seine Begeisterung zu präzisieren: Einmal ist ihm sympathisch, dass sich Kirsch ihre Probleme von niemandem diktieren lassen möchte. Sie ist störrisch und eigensinnig, aber ohne Verbitterung, schwärmt Moser. Während andere die DDR heute verklären oder ironisieren würden, nehme Kirsch ihr damaliges Leben ernst. Wenn auch nicht zu ernst. Da wird nicht abgerechnet, nicht gerechtfertigt, nicht aufgeklärt, sondern beschrieben. "Tatarenhochzeit" behandelt die siebziger Jahre, die Zeit, bevor Kirsch in den Westen ging. Kirschs Prosa verrät die lebenslange Schule der Lyrikerin, meint Moser, jedes Wort, jeder Satz behalte seinen poetischen Eigensinn, zugleich sei der Bau dieser Prosa locker, fast nervös, bezeuge den Bewegungsdrang der Autorin, die in diesen Tage "de passage" war, weshalb für Moser ihre Prosastücke "gerade in ihrer Zerstreutheit bei der Sache" sind.