Roddy Doyle

Henry der Held

Roman
Krüger Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783810504449
gebunden, 415 Seiten, 20,35 EUR

Klappentext

Mitten in die Slums von Dublin wird Henry 1901 hineingeboren. Sein Vater ist Rausschmeißer im Bordell und berühmt dafür, blitzartig mit seinem Holzbein Störenfriede niederzuschlagen. Seine Familie kann er davon nur schlecht ernähren, besonders den kleinen, immer hungrigen Henry. Aber Henry ist stark. Er wird ein kleiner König der Straße - verdreckt, gewitzt und ganz auf sich gestellt. Dann ist er beim Osteraufstand 1916 dabei. Und er findet seine Liebe: Miss O`Shea, die ihm einst das Lesen beibrachte und die jetzt an seiner Seite in die IRA eintritt. Henry verübt Anschläge und Morde auf Befehl. Er ist ein Rebell auf einem gestohlenen Fahrrad. Aber schließlich muß er erkennen, daß er immer nur ein Handlanger für andere war.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2000

Dass Doyle einige Fortsetzungen zu diesem Roman plant, scheint Alexander Kissler eher zu entsetzen als zu freudiger Erwartung hinzureißen. Zwar hält er den ersten Band dieser Reihe immerhin für "handlungsreich", allerdings klingt er nicht gerade begeistert, wenn er feststellt, dass der Roman "einzig aus der großmäuligen Rede und der sentimentalen Erinnerung der Titelfigur" bestehe. So fragt sich Kissler, wie denn wohl eine Weiterentwicklung des Protagonisten aussehen soll, denn erstens habe Doyle den Charakter der Titelfigur schon ausführlichst vorgeführt und zweitens sei Henry Smarts hervorstechendster Charakterzug der "Narzissmus" - eine Eigenschaft, die der Rezensent als Stoff für folgende Romane nicht gerade ergiebig findet.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.04.2000

Prächtig losgeschwommen und dann abgesoffen, könnte man das Fazit des Rezensenten Friedhelm Rathjen umschreiben. Rathjen lobt ausdrücklich O`Hagans Eingangskapitel, in dem der Autor die Kindheit seines Helden aus einer raffinierten Perspektive schildere, in der sich die Erinnerungen - vor allem an Bücher - in dem wirklichen Geschehen spiegele. Diese "Brechungen" machten aus dem Eingangskapitel ein "stilles Juwel der Erzählkunst". Dann geht es allerdings rapide bergab. Im zweiten Teil referiere der erwachsene Held nur noch "auf pamphlethafte Weise" die Familiengeschichte. Platitüden und "analytisches Tiefschürfertum", schimpft Rathjen, "zerreiben gänzlich" O`Hagans zweifellos vorhandene Erzählkunst.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.04.2000

In seiner Rezension vergleicht Irland-Korrespondent Ralf Sotscheck das Buch mit Frank McCourts Bestseller "Die Asche meiner Mutter". Was die Geschichte angeht, sieht er viele Parallelen, und doch, meint er, sind es ganz unterschiedliche Bücher. Das liege vor allem daran, dass Doyle in "Henry der Held" keine adäquate Sprache für seinen jugendlichen Raufbold gefunden habe. Die Sprache -vor allem die ermüdend häufige Verwendung von `ficken` - ist Sotscheck zu modern, schließlich spielt der Roman Anfang des 20. Jahrhunderts. Besonders deutlich werden Doyles sprachliche Grenzen bei der Beschreibung von Szenen, in denen "Menschen" umgebracht werden, kritisiert der Rezensent. Nur hin und wieder blitze "Doyles Sprachwitz" auf.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.04.2000

Hier habe sich Doyle fast auf Joycesches Terrain vorgewagt, findet Friedhelm Rathjen, aber dennoch habe der Autor seinen ganz eigenen Stil bewahrt. Es ist ein erschütternd, fast unvorstellbar hartes Dublin, das Doyle hier zeigt. Rathjen findet es außerordentlich beeindruckend, wie es Doyle gelungen ist, sich in die Welt und auch die Sprache eines Heranwachsenden von 1916 hinein zu denken, mit aller Komik, den Träumen und Empfindlichkeiten. Doyle verzichte darauf, Henry als Kämpfer für Irland zu glorifizieren, sondern zeige, wie sehr für ihn die bloße "Barrikaden-Romantik" und die Möglichkeit "nebenbei ein paar Postgelder" auf die sichere Seite zu bringen die Hauptmotivation für sein kämpferisches Engagement darstellen. Dass Doyle dem "Abgleiten in Sozialkitsch" gerade eben entkommt, liegt nach Rathjen vor allem daran, dass es dem Autor gelingt, mit einigen Mythen hinsichtlich der irischen Befreiungskämpfe aufzuräumen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.03.2000

Thomas David spannt seine Besprechung in ein ganzes Netz irischer Bezüge, erinnert an eine Szene aus dem mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman von Doyle ("Paddy Clarke Ha Ha Ha"), an Frank McCourts "Asche meiner Mutter" und, etwas tiefer in die Geschichte greifend, an ein frühes Theaterstück von Sean O?Casey. Über diese Assoziationen - die literarische Bearbeitung von irischer Armut, englischer Kolonisierung und Osteraufstand 1916 in Dublin - hat er sich auch in einem Interview mit dem Autor unterhalten und streut dessen Antworten in diese Besprechung ein. Bei dem neuen Buch von Doyle handelt es sich um den ersten Teil eines auf mehrere Bände angelegten Zyklus, schreibt David, in dem der weniger heldische als angeberisch-smarte Henry den Leser mit ständigem Seitenblick auf die große Geschichte durch seinen bizarren Alltag führt (im vorliegenden Band von 1901 bis 1920). Der Rezensent lobt den Überschwang der Sprache (die Übersetzerin auch für den Erhalt der Vitalität im Deutschen), die Vielzahl komischer Episoden und spricht insgesamt von einem Roman mit "heute selten gesehenem Profil". Das beigegebene Portrait-Foto von dem 42-jährigen Autor scheint dessen Lust am subtilen Unterlaufen irischer Nationalmythen auf freundlichste zu beglaubigen.