Herausgegeben von Bernhard Echte. Dass Robert Walser zu den unpolitischen Autoren zähle, gilt selbst Liebhabern seines Werks für ausgemacht. Ebenso zählt zu den gängigen Ansichten über die Schweiz, daß sie unpolitisch, weil neutral sei. In beiden Fällen handelt es sich um Vorurteile, die in Frage zu stellen sich lohnt. So hat sich Robert Walser nicht nur beiläufig zu politischen Fragen geäußert, auch wenn ihm der präzeptorale Zeigefinger gänzlich fremd war. "Meiner Ansicht nach gibt es überhaupt nichts Unpolitisches", bemerkt er sogar in einem Mikrogramm-Text. Eigenartig war denn auch sein Verhältnis zur Schweiz. Zweifellos hat er dieses Land geliebt und daraus keinen Hehl gemacht. Der Heimattümelei und ihren literarischen Ausdrucksformen begegnete er jedoch mit unverhohlenem Spott.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 07.08.2003
Lothar Müller hat sich vom Schalk der Texte Robert Walsers anstecken lassen und lobt etwas unkonventionell: Die "unsinnigsten Fragen" fallen einem ein, sobald man durch ist mit dem Band, in dem "nachgelassene Mikrogramme" und journalistische Stücke versammelt sind - alles, was Walser so zur Schweiz einfiel. Die Berge? Nein, schreibt Müller, keine Berge, zumindest nicht im Sinne erhabener Gipfel und Schluchten; statt dessen stelle Walser sein sprechendes Ich auf den "Gipfel der Mittelmäßigkeit" und lasse es von dort die Schweiz preisen, doch "spielen Stoff und Spiel so lange miteinander Fangen und Verstecken, bis die Loblieder auf die Schweiz wie ihre eigene Parodie klingen". Herrlich und gut, befindet Müller also.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 26.04.2003
In Robert Walsers Texten über die Schweiz, die Bernhard Echte in einem Band zusammengetragen hat, zeigt Walser nicht nur sein "scharfes politisches Gespür", sondern auch eine "oft übersehene Kraft zur Verwandlung seiner eigenen Stoffe", schreibt die Rezensentin Beatrice von Matt. Gerade am Thema "Wilhelm Tell", das Walser seine ganze Schaffenszeit hindurch beschäftigt hat, lasse sich dieses "Weiterdenken" sehr gut ablesen. Rechne Walser im 1907 entstandenen "Tell in Prosa" noch mit dem "Machthaber" als "mythischem Feindbild" ab, erscheine Gessler zwanzig Jahre später, im Essay "Wilhelm Tell", nicht mehr als "Tells Antipode", sondern als notwendiger "Teil von ihm": "Ohne Gessler, kein Tell." Genau diese "Vielgesichtigkeit von Gut und Böse" bestimme Walsers spätes politisches Verständnis und lasse ihn das "moralische Urteil" unterlaufen. Die Schweiz und ihre "politische Ausrichtung" behandele er eher indirekt, durch "Porträts von sagenhaften und geschichtlichen Figuren, von Dichtern und Künstlern, von Landschaften und Städten". Aus diesen Schweizer Texten sprechen für die Rezensentin tief empfundenes "Einverstandensein" mit seinem Land, jedoch auf Walsers ganz besondere, vollkommen "unmissionarische" Art: "So ganz durchdrungen von einsamer Skepsis kann nur Robert Walser patriotisch sein."
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