Reinhard Kaiser-Mühlecker

Enteignung

Roman
Cover: Enteignung
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019
ISBN 9783103974089
Gebunden, 224 Seiten, 21,00 EUR

Klappentext

Nach Jahren auf Reisen kehrt ein Journalist in den Ort seiner Kindheit zurück, an dem er nie heimisch war. Er schreibt für das kriselnde Lokalblatt, er beginnt eine Affäre und arbeitet auf dem Hof eines Mastbauern, dessen Land enteignet wurde. Rätselhaft und faszinierend sind sie, Ines, Hemma, Flor, und sie ziehen ihn hinein in die Kämpfe um ihr Leben, das ihnen weggenommen wird. Reinhard Kaiser-Mühlecker erzählt von einer Zeit tiefer Verunsicherung - er erzählt von unserer Gegenwart.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.04.2019

Joshua Schößler schätzt am neuen Roman von Reinhard Kaiser-Mühlecker einerseits die Glätte, das problemlose Abschnurren der Erzählung um einen aussteigenden Journalisten, der in sein Heimatdorf zurückkehrt, andererseits reizt ihn das Gefühl, das etwas nicht stimmt, das der Text auf subtile Weise mit transportiert. Ein tragisches Ereignis wird angerissen, aber nicht ausgeführt, stellt er fest. Diese Untergründigkeit verunsichert den Rezensenten, macht ihm den Erzähler intransparent. Für Schößler eine Qualität des Textes.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 11.04.2019

In den Romanen von Reinhard Kaiser-Mühlecker passiert nicht viel, weiß Rezensentin Edelgard Abenstein, und es sind immer die gleichen Themen, die den Autor beschäftigen: gesellschaftlicher "Fortschrittswahn", persönliche Verluste und Landleben. Auch in "Enteignung" werden diese Themen verhandelt: Ein seltsam emotionsloser Journalist kehrt in den Ort seiner Kindheit zurück, schreibt dort zunächst für das Lokalblatt, beginnt eine Affäre, fängt dann in dem Schweinemastbetrieb eines Bauerns an zu arbeiten, dem kürzlich ein Stück Land abgenommen wurde, und rutscht dann in die zweite Affäre mit einer Bäuerin. Öde wird es trotzdem nicht, findet Abenstein, was sie vor allem auf die scharfen Beobachtungen des Erzählers, die eindringliche und bedrückende Atmosphäre und die geschickt (ein-)gesetzten Leerstellen zurückführt, mit denen der Autor Spannung erzeugt, die bis zum Ende trägt. Vergleiche zieht Mühlecker zum Genre des Westerns und Film Noir sowie zu Heinrich von Kleist, an den vor allem das Bauernpaar denken lasse, deren extreme Existenzängste der Leser miterlebt. "Einteignung" hat laut Rezensentin aber auch ein paar Schönheitsfehler: Einige Erzählstränge bleiben lose, und manchmal trifft die Wortwahl nicht - besonders in den Liebesszenen. Trotzdem ist dieser Roman, so Abenstein, "mehr als nur ein Debattenbeitrag".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2019

Rezensent Kai Spanke fühlt sich wohl in den Welten des Reinhard Kaiser-Mühlecker, auch wenn sie wortkarg sind und die Helden darin wie weggetreten agieren. Atmosphärisches gibt der neue Text um einen unentschlossen durchs Leben und Lieben treibenden Provinz-Journalisten durchaus her, so der Rezenent. Der Eindruck, das eher unspektakuläre Geschehen im Text aus großer Entfernung zu betrachten, entsteht laut Spanke nicht zuletzt dadurch, dass die Figuren kaum reden und sich dem Leser nicht durch Worte, sondern ihr Verhalten zu erkennen geben. Ausdrücklich handelt es sich hier nicht um "Hochglanzprosa", doch die Beobachtungsgabe des Autors und seine Pointierungen machen das locker wett, gibt Spanke zu verstehen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.03.2019

Laut Rezensent Felix Stephan ist es Reinhard Kaiser-Mühlecker in seinem neuen Roman "Enteignung" so gut gelungen, "das Nicht-Verhältnis zwischen den Metropolen und der Peripherie" zu beschreiben, weil er einen städtischen Ich-Erzähler wählt, der dem Dorf, in das er zieht, völlig indifferent gegenüberstehe. Der Protagonist heuert bei einem vermeintlich dumpfen Bauern an, weil er herausgefunden hat, dass seine Geliebte sich auch mit ihm eingelassen hat, erzählt der beeindruckte Rezensent. In seinen Augen gibt Kaiser-Mühlecker den Lesern damit die wunderbare Möglichkeit herauszufinden, dass sich die beiden Männer - von ihren ökonomischen Verhältnissen abgesehen - gar nicht so sehr unterscheiden. Da die Leser deutlich mehr verstehen als der ignorante Protagonist selbst, können sie nach Stephans Meinung am Schluss eine "eigene, helle Wahrheit" über das prekäre Leben auf dem Land entdecken.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 05.03.2019

Andrej Klahn bewundert Reinhard Kaiser-Mühlecker für seine Fähigkeit die Archaik des Dorflebens ins Zeitlose zu erheben. Wenn der Autor einen aussteigenden Journalisten in sein Heimatdorf zurückkehren lässt, illusions- wie bindungslos, unbeteiligt, ein Mann fast ohne Eigenschaften, erkennt Klahn den Reiz des Textes im Ungefähren und Unvorhersehbaren der Geschichte, der Unverbundenheit der Erzählstränge, die vom Kampf eines Bauern gegen Enteignung oder von der Krise des Journalismus handeln. Dass am Ende mit einem erotischen Knotenpunkt im Zentrum alles zueinander findet und die vom Rezensenten zunächst als rätselhaft empfundenen Gefühle der Figuren elementar erscheinen, findet Klahn bemerkenswert, zumal der Autor seine Geschichte auf relativ engem Raum entfaltet.