Kenah Cusanit

Babel

Roman
Cover: Babel
Carl Hanser Verlag, München 2019
ISBN 9783446261655
Gebunden, 272 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

1913, unweit von Bagdad. Der Archäologe Robert Koldewey leidet ohnehin schon genug unter den Ansichten seines Assistenten Buddensieg, nun quält ihn auch noch eine Blinddarmentzündung. Die Probleme sind menschlich, doch seine Aufgabe ist biblisch: die Ausgrabung Babylons. Zwischen Orient und Okzident bahnt sich gerade ein Umbruch an, der die Welt bis in unsere Gegenwart hinein erschüttern wird. Wie ein Getriebener dokumentiert Koldewey deshalb die mesopotamischen Schätze am Euphrat; Stein für Stein legt er die Wiege der Zivilisation frei - und das Fundament des Abendlandes.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.02.2019

Dirk Knipphals bekommt nicht gerade Lust auf Ziegel, aber jede Menge Respekt vor ihnen beim Lesen von Kenah Cusanits Roman. Dass die Autorin kein Sachbuch über die Orientbegeisterung im deutschen Kaiserreich geschrieben hat, sondern einen Roman, findet er in Ordnung, auch wenn die Autorin im Text oft mehr analysiert als schildert, den Figuren, mit dem Archäologen Koldewey im Zentrum, keine historischen Kostüme anzieht und Listen, Essayistisches und Zitate miteinbezieht. Schön, dass der Leser zunächst nicht weiß, wie er mit dem Text umgehen soll, findet Knipphals. Ebenso gut, wenn er dennoch bei der Stange bleibt. Genau dafür sorgt die Autorin laut Rezensent, indem sie die Geschichte in der Schwebe hält und aus der Ferne Zusammenhänge erahnen lässt, etwa zwischen Ziegeln, Wissen, Politik und dem Licht des Orients.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.02.2019

Laut Thomas Jordan krankt der Roman der Essayistin und Lyrikerin Kenah Cusanit an der Unvereinbarkeit von lexikalischem Erklären und fiktionalem Erzählen. Faszinierend findet Jordan zwar, mit Cusanit in die Gedankenwelt des Berliner Orientforschers und Archäologen Robert Koldewey einzutauchen und kulturgeschichtliche Details wie das Verhältnis von Bild und Schrift in der babylonischen Keilschrift oder die Verluste an verwandten Ideen zwischen Ost und West zu erkunden. Doch übernimmt sich der Text damit laut Rezensent, die Erzählung versinkt allzu oft im Räsonieren und Dozieren und das Personal im Text schrumpft zu Stichwortgebern.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.01.2019

Kenah Cusanit ist Altorientalistin und Lyrikerin, also bestens geeignet, um einen gelungenen Roman vorzulegen über den Archäologen und Babylon-Gräber Robert Koldewey, dem wir u.a. das Ishtar-Tor in Berlin verdanken, meint Rezensent Fridtjof Küchemann. Allein die Hingabe, mit der sich die Autorin in ihrem Debüt den privaten Seiten Koldeweys widmet, der mit seiner Gesundheit ebenso rücksichtslos wie mit seinen Untergebenen umging, ringt dem Kritiker große Bewunderung ab. Noch mehr beeindruckt ihn allerdings Cusanits Wagemut: Der aktuellen Debatte um koloniale Raubkunst lauscht sie bisher wenig beachtete Aspekte, etwa zu Deutschlands Wettstreit mit Amerika, Frankreich und England um den Ruhm der Entdeckung ab, auch die Weltpolitik um 1913 kann ihm die Autorin klar vor Augen führen. Angesichts schwungvoller Anekdoten und Pointen, erhellender Beobachtungen und einer brillanten Mischung aus "weltpolitischem Großen" und "persönlichem Klein-Klein" verzeiht Küchemann gern, dass die Handlung ein wenig kurz kommt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.01.2019

Rezensent Paul Jandl lässt sich von der Altorientalistin Kenah Cusanit in den Kopf des Archäologen Robert Koldewey entführen, ins Zweistromland und ins wilhelminische Berlin, das Jandl so babylonisch noch nicht gesehen hat. Faszinierend erscheint ihm, wie die Autorin in die Korrespondenzen zwischen den deutschen Archäologen und osmanischen Herrschern eintaucht, wie sie alles andere als linear, doch lustvoll und mit leichter Hand von Mythen am Euphrat und Allmachtsfantasien in den Köpfen der Forscher erzählt. Ein Buch voller Atmosphäre, das für Jandl auch als Essay taugt über Kultur und die Codes von Religion und Kunst.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 24.01.2019

Ijoma Mangold erkennt die Aktualität und den scharfen Blick der Ethnologin, wenn Kenah Cusanit in ihrem Debütroman dem Babylon-Gräber Robert Koldewey bei seiner Begeisterung für die Schätze Babels und seinen Grabungen über die Schulter sieht. Dass Cusanit keinen historischen Roman vorlegt, sondern auf eine an Ambivalenzen reiche Mentalitätsgeschichte über deutschen Wissenschaftsheroismus abzielt, auf Vielstimmigkeit und ein Flirren der Fakten, gefällt dem Rezensenten. Zumal aktuelle Raubkunstdebatten für Mangold dadurch erhellt werden. Wie Orientbegeisterung, Kulturimperialismus, Versponnenheit und Neugier bei Koldeweys Raubzügen Hand in Hand gingen, macht die Autorin laut Mangold auf intelligente Weise sichtbar.