Ralf Dahrendorf

Die Krisen der Demokratie

Ein Gespräch mit Antonio Polito
Cover: Die Krisen der Demokratie
C. H. Beck Verlag, München 2002
ISBN 9783406487507
Broschiert, 116 Seiten, 12,90 EUR

Klappentext

Die Krisen der Demokratie. Ist die Demokratie am Ende? Hat sie eine Antwort auf die Globalisierung, durch die immer mehr Entscheidungen von größter Tragweite auf demokratisch nicht legitimierte politische Institutionen und auf nicht mehr kontrollierbare Großunternehmen verlagert werden? Wie geht sie mit den sozialen Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung um, die den Verlierern weniger Chancen zu lassen scheinen, als sie das Proletariat am Beginn der Industrialisierung hatte? Wie wird sie mit den neuen populistischen Bewegungen eines Haider oder Bossi fertig? Wie kann man die zunehmende Apathie der Wähler aufheben, die nicht mehr die Chance sehen, ihrem Willen in demokratischen Prozessen politisch geltend zu machen? Schließlich: Wie könnte eine "neue Demokratie" aussehen? Solchen und anderen Fragen gelten die zehn Gespräche, die Ralf Dahrendorf mit dem italienischen Journalisten Antonio Polito führt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.07.2003

Ralf Dahrendorf, einstiger Vordenker der FDP, hat seine in trüber Mittelmäßigkeit fischenden Partei intellektuell weit hinter sich gelassen. In einem Band mit zehn Gesprächen, die der italienische Journalist Antonio Polito mit Dahrendorf führte, wird nach Ansicht von Rezensent Dieter Rulff deutlich, wie weit sich die FDP mittlerweile von ihrer einstigen Bestform entfernt hat. Der Band behandelt nach Auskunft Rulffs denselben Themenkomplex wie Dahrendorfs ebenfalls diese Tage erschienene Abhandlung "Auf der Suche nach einer neuen Ordnung". Hier wie dort geht es um Dahrendorfs Vorstellung von Freiheit, sein Konzept einer Bürgergesellschaft und seine Skepsis gegen über einer globalen Demokratie. Im Unterschied zu "Auf der Suche nach einer neuen Ordnung" hat der vorliegende Gesprächsband nach Einschätzung von Rulff allerdings einen handfesten Vorteil: Er bringt Dahrendorfs Gedanken "weitaus prägnanter" auf den Punkt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.08.2002

Wichtig und interessant, was Ralf Dahrendorf da über den Zustand der Demokratie zu sagen hat, findet Roderich Reifenrath. Der Sozialwissenschaftler, Mitglied des britischen Oberhauses, sei einer der wenigen Politiker, die sich Gedanken über die Grundlagen ihres Berufs machen. Besonders erfreulich für den Rezensenten (und den Leser), wenn die Überlegungen dann noch so mit "Originalität und Präzision" bestechen, wie es hier der Fall ist. Dahrendorf spricht über die Probleme der Demokratie, den Bedeutungsverlust der Parlamente, die schwindende soziale Solidarität und die Gleichzeitigkeit von Globalisierung und Regionalismus, die "Glokalisierung". Wo diese Entwicklungen letzten Endes hinführen werden, wisse auch ein "so kluger Mensch" wie Dahrendorf nicht, stellt der Rezensent fest. "Aber er ist hellsichtig und beschreibt genau, was er sieht." Insgesamt ein lesenswertes und vor allem lesbares Buch, befindet der Rezensent: "schwere Kost, aber verdichtet und genießbar serviert".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.06.2002

Solche kleinen Bücher sind lesenswert, freut sich Rezensent Kurt Sontheimer nach Lektüre dieses Interviews mit dem Politiker und Soziologen Ralf Dahrendorf. Gerade wenn der Interviewer so "gut informiert" sei wie Antonio Polito. Thema des Gesprächs: die Krise der Demokratie. Dahrendorf lässt sich, lobt Sontheimer, nicht auf begriffliche Verabsolutierungen ein: Diese "schwere Krise" der Demokratie sei vor allem eine "Krise der Nationalstaaten" und schon gar kein "neues Phänomen". Tatsächlich problematisch für die Demokratie sei die Globalisierung, da diese eine neue nicht national gebundene Elite hervorgebracht habe, die sich keiner Gemeinschaft mehr verpflichtet fühle und somit auch keine Solidarität mehr übe. Regionalisierung als Gegenmittel (Dahrendorfs Begriff der "Glokalisierung" findet Sontheimer "misstönend") sei eine zweischneidige Angelegenheit, da diese sich als übernationale Kooperation verstehen solle und nicht als "ethnische Zusammenballung". Auch mit Kritik an der Europäischen Union spart Dahrendorf nicht, so der Rezensent. Denn wie soll es eine europäische Demokratie geben, wenn es erstens kein europäisches Volk gibt und es zweitens nicht in den europäischen Prozess miteinbezogen wird? Fazit: "Es gibt keine einfachen Antworten." Ein Satz, der Dahrendorfs differenzierten und unprätentiösen Umgang mit komplexen Fragen beleuchtet, und gerade das gefällt Sontheimer ganz besonders.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.04.2002

Rainer Hoffmanns Rezension könnte man fast schon als eine Verbeugung vor dem "zeitkritischen Intellektuellen" Ralf Dahrendorf bezeichnen. Dahrendorf verheimliche nicht seine Leidenschaft für alles Politische, doch dies sei durchaus kein Manko, im Gegenteil: Er stelle intelligente und interessante Fragen, und die subjektiv gefärbten Antworten seien durchaus erhellend. Der bedauerliche Hintergrund ist allerdings, dass das Stellen und Beantworten dieser Frage in Form lebhafter Debatten eigentlich eine Aufgabe wäre, die dem klassischen Parlament zukäme, das sich davon allerdings viel zu weit zurückgezogen habe. Zum Glück (für den Leser) kann Dahrendorf davon einiges ausgleichen, wobei er immer auch sehr aktuelle Aspekte in seine Gedankengänge mit einbezieht. Somit kann das Buch nach Hoffmann als "leidenschaftliche außerparlamentarische Lehrstunde in Demokratie" verstanden werden, stellt der Rezensent begeistert fest.