Polina Scherebzowa

Polinas Tagebuch

Cover: Polinas Tagebuch
Rowohlt Verlag, Berlin 2015
ISBN 9783871347993
Gebunden, 576 Seiten, 22,95 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Olaf Kühl. Neun Jahre alt war Polina Scherebzowa, als in Grosny Krieg ausbrach. In diesem Jahr, 1994, begann sie ihr Tagebuch, das sie zehn Jahre lang und über einen zweiten Konflikt hinaus führte. Es ist eine Chronik vom Leben in Zeiten des Krieges, von der Schönheit und Grausamkeit des Daseins, die Polina mit ganz eigenem Blick beschreibt: Polina ist Tochter einer Russin und eines Tschetschenen; sie wird von einer russischen Bombe verletzt, in der Schule beschimpft man sie dennoch als "Russenschwein". Zugleich bleibt Polina ein Kind, sucht Salamander, ärgert sich, weil sie das einzige verkleidete Rotkäppchen unter lauter Schneeflocken ist. Sie lernt, mit dem Schrecklichen umzugehen - den Angriffen und Anfeindungen; der kleinen tschetschenischen Kämpferin mit dem MG; dem verwundeten Soldaten, der ein Kind bittet, ihn zu erlösen. Währenddessen erlebt Polina den Alltag eines Teenagers, Streit mit der Mutter, die erste Liebe. Der düstere Hintergrund lässt die Poesie dieser Jugend nur umso stärker leuchten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.08.2015

Rezensentin Susanne Lenz kann sich dem Grauen in diesem Tagebuch einer Jugendlichen aus dem Tschetschenienkrieg nicht entziehen. In Polina Scherebzowas Lakonie drücken sich für die Rezensentin Angst und Hoffnung zugleich aus. Das Schreiben als Selbst-, als Lebensversicherung wie bei Anne Frank, das neben furchtbarer Gewalt immer auch die kleinen alltäglichen Sorgen berücksichtigt, verändert laut Lenz unseren Blick auf die Welt. Gewalt als Gift, das unmerklich jeden angreift, Moral als subjektive Angelegenheit und Liebe unter widrigsten Umständen lernt die Rezensentin hier kennen. Für Lenz ein unschätzbares Zeugnis aus der Hölle und eine Chronik von großer literarischer Kraft.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.04.2015

Vom Schrecken und der Banalität des Krieges und vom Überleben mit Anstand erzählt das 500 Seiten schwere Tagebuch von Polina Scherebzowa der Rezensentin. Ilma Rakusa berichtet davon, wie die Autorin zu Beginn des ersten Tschetschenienkrieges mit neun Jahren anfing das Tagebuch zu schreiben, und erst mit siebzehn aufhörte. Darin festgehalten sind der Kriegsalltag, hautnah bei der Darstellung von Tod, Gewalt und Verzweiflung aber auch von plötzlichem Glück, erklärt Rakusa, und wie das Schreiben der Autorin zum Halt wird und wie sie einen enormen Lebenswillen entwickelt. Dass der Band Rakusa an Lena Muchinas Tagebuch erinnert, schmälert den starken Eindruck des Textes ebensowenig wie der Verdacht, die Autorin könnte ihre kindlichen Einträge nachgebessert haben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2015

Erschüttert hat Rezensentin Sabine Berking das Tagebuch Polina Scherebzowas gelesen. Das Mädchen, das während der Tschetschenien-Kriege in Grosny aufwuchs, berichtet hier nicht nur vom Leben mit der hysterischen, überforderten Mutter, sondern vor allem vom Überleben auf Bergen von Müll und Kadavern, Hunger, zunehmender Gewalt und Brutalität in der Bevölkerung, schreibt die Kritikerin. Zugleich entdeckt Berking in diesem traurigen Dokument auch immer wieder Berichte von ganz Alltäglichem, von Teenager-Träumen, aber auch von Polinas Überlebensstrategien: Nicht nur Literatur, etwa Cervantes, Dumas oder Hugo, sondern auch Yoga und Meditation helfen dem jungen Mädchen, die Grausamkeiten des Krieges zu überstehen. Nicht zuletzt dank Olaf Kühls exzellenter Übersetzung kann die Kritikerin dieses ebenso bewegende wie aktuelle Buch nur dringend empfehlen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.03.2015

Die ersten neun Jahre von Polina Scherebzowas Tagebuchaufzeichnungen geben einen besseren Einblick in den Kriegsalltag der tschetschenischen Hauptstadt Grosny in den neunziger Jahren als jede Reportage es je könnte, findet Alice Bota. Zerbombte Häuser werden geplündert, Nachbarn gefoltert, ohne dass jemand auf die Idee kommt einzuschreiten. Polinas Vater wird getötet und ihre Mutter schlägt sie, wenn sie nicht gerade vor Hunger zu schwach dafür ist, fasst die Rezensentin zusammen. Und Polina schreibt, macht sich zur Chronistin der Kriegsjahre, will festhalten was um sie herum geschieht, wenn sie schon wahrscheinlich dort sterben muss - was sie allerdings nicht tut, verrät Bota, sie überlebt, wird eine erfolgreiche Journalistin und veröffentlicht ihre Tagebücher. Nach der Veröffentlichung musste sie dann schließlich doch fliehen, weiß die Rezensentin: Polina Scherebzowa lebt mit ihrer Familie heute in Finnland.