Peter Jelavich

Kunstfreiheit: Eine deutsche Ideologie

Vom Naturalismus bis zur documenta fifteen
Cover: Kunstfreiheit: Eine deutsche Ideologie
Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN 9783465046738
Kartoniert, 184 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Die "Kunstfreiheit" wird von deutschen Politikern und Kulturschaffenden oft und gern als hohes Gut gepriesen. Die Tatsache, dass das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland der Kunst ein höheres Maß an Freiheit zugesteht als Meinungsäußerungen, ist weltweit einmalig: Überall sonst wird Kunst unter genereller Ausdrucksfreiheit subsumiert, sie genießt keine Vorzugsbehandlung. Dieses Buch setzt ein am Ausgangspunkt des deutschen Sonderweges in Sachen Kunstfreiheit im 19. Jahrhundert, als die Kunst zwar für "frei" erklärt wurde, in Wirklichkeit aber eng begrenzt war: Auf Grund des damals vorherrschenden ästhetischen Idealismus musste sie autonom und "interesselos" sein, d.h. weder "unzüchtig" noch politisch. Mit der zunehmenden Politisierung und Erotisierung der Künste im 20. Jahrhundert sind aber die ursprünglichen Prämissen der "Kunstfreiheit" längst überholt. In mancher Hinsicht ist dies unerheblich: Die Meinungsfreiheit ist inzwischen so weit ausgedehnt, dass es nur noch selten nötig ist, sich auf ein zusätzliches Maß an Kunstfreiheit zu berufen. Die staatliche Subventionierung der Kunst kann jedoch zur Finanzierung von Werken führen, die Botschaften vermitteln, die den allgemeinen gesellschaftlichen Werten zuwiderlaufen. Die dadurch entstehende Problematik wird im letzten Teil des Bandes in Bezug auf Antisemitismus im Kulturbereich erläutert.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.08.2025

Rezensent Ingo Arend findet Peter Jelavichs Buch über die Kunstfreiheit und ihre Dilemma spannend zu lesen und vorzüglich in seiner Auseinandersetzung mit einer "Kampfvokabel" und ihrer juristischen Grundlagen vom Kaiserreich bis heute. Dass es um die Freiheit der Kunst im Land nicht immer so gut bestellt war wie heute und noch 1957 Comics öffentlich verbrannt wurden, erfährt Arend ebenso wie ihm die Lektüre die Unentwirrbarkeit der Debatten um die Documenta 15 klarmacht, die Jelavich selbst fachwissenschaftlich begleitete.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2025

Einen wichtigen Debattenbeitrag zum Thema Kunstfreiheit legt Peter Jelavich laut Rezensent Haziran Zeller hier vor. Der Historiker Jelavich geht von einer historischen Eigentümlichkeit in Deutschland aus: Anders als in anderen europäischen Ländern genießt Kunst hier mehr Freiheit als andere Formen der Rede, fasst Zeller das Argument zusammen, und zwar, weil die Kunst quasi als Ersatz herhalten musste für die Deutschland lange vorbehaltene politische Freiheit. Der Preis dafür bestand freilich darin, dass Kunst von Politik geschieden und zu einer Sphäre der bürgerlichen Selbstbespiegelung wurde, was wiederum dazu führte, dass es historisch immer dann zu Konflikten kam, wenn Kunst den engen Bereich des Ästhetischen in Richtung Politik und Gesellschaft zu überschreiten drohte. Entlang dieser These entwirft Jelavich Zeller zufolge eine Geschichte der Kunstfreiheit in Deutschland, der Skandal um Willi Forsts "Die Sünderin" kommt darin vor, die neueren Diskussionen um Denkmalstürze hingegen eher weniger. Mit Blick auf die Documenta 15 allerdings plädiere Jelavich dafür, politische und juristische Fragen zu trennen, soll heißen: antisemitische Kunst ist von der Kunstfreiheit gedeckt, was freilich nicht heißt, dass man sie in öffentlich geförderten Ausstellungen zulassen muss.