Die Tänzerin
Roman

Carl Hanser Verlag, München 2025
ISBN
9783446281462
Gebunden, 96 Seiten, 20,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Eine zufällige Begegnung auf der Straße und sie ist wieder da: die längst vergangene Zeit, als er, jung und voller Schriftstellerambitionen, in Paris eine Balletttänzerin kannte und vielleicht auch liebte. Da waren ihr scheuer Sohn Pierre, um den er sich kümmerte, die charismatische Pola Hubersen und Serge Verzini, in dessen "Zauberkasten" sie sich trafen und unter die Pariser Nachtgestalten mischten. Doch wer war die Tänzerin wirklich und welch schweigsame Verbundenheit teilte er mit ihr?
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Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 20.06.2025
Rezensent Nils Minkmar folgt den Spuren des kleinen neuen Romans von Patrick Modiano in Paris. Der kleine Text führt ihn ins Cafe Le Raspail und weiter durch die Stadt, in der sich Modianos Figuren immer wieder selbst auf Spurensuche in die Vergangenheit machen. Keine Frage für Minkmar: Wiederum geht es um eine sehr reduziert erzählte "Schnitzeljagd", in der sich politische und persönliche Geschichte vermischen, wieder spielt die Geschichte in den frühen 1960ern und wieder irrt ein junger Mann durch Paris und dreht sich alles um eine Frau - eine Tänzerin diesmal, die der Erzähler vor vielen Jahren kennenlernte. Die Sorgfalt der Dramaturgie und die wiederkehrenden Motive machen das Buch zu einem echten Modiano, findet der Rezensent, der diese behutsame Selbst- und "Vergangenheitsbetrachtung", die nie in Nostalgie aufgeht, gern empfiehlt: "Früher war alles gefährlicher", lernt er hier.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 10.05.2025
Patrick Modiano ist für Rezensentin Julia Hubernagel ein Autor, der kleinste Reize aus der Vergangenheit nutzt, um seine Protagonisten auf eine lange Erinnerungsreise zu schicken, das gilt auch für seinen neuen Roman. Hier trifft die Hauptfigur auf einen alten Bekannten, was die Erinnerung an eine Balletttänzerin hervorruft, die er in den 1960er Jahre liebte. Viele bekannte Modiano-Zutaten kommen der Kritikerin hier unter: Immer wieder faszinierend ist auf jeden Fall, wie der Autor die "Feinmechanik der Erinnerungsmaschinerie" aufdröselt, findet Hubernagel. Aber die Darstellungen der enigmatisch und mysteriös angelegten Frauen, die wie üblich auftauchen, bleiben leider sehr schwammig. Überhaupt, viel Inhalt und Konkretes lässt sich hier nicht finden, bedauert die Rezensentin. Sie fragt sich, auch mit Blick auf Annie Ernaux, ob Erinnerungen aufschreiben und ausschlachten wohl eine Art französischer "Nationalsport" geworden ist - sie kann dem Buch jedenfalls wenig abgewinnen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 25.04.2025
Patrick Modiano beweist in seinem neuen Roman, dass nicht das Was allein entscheidend ist in der Literatur, sondern vor allem das Wie, der Stil, der das Erzählte so in Szene setzen kann, dass es in einem völlig neuen Licht erscheint, und wenn es sich "nur" um Gemeinplätze handelt, so die beeindruckte Rezensentin Meike Fessmann. Ein solcher Gemeinplatz etwa ist die Erkenntnis, dass die "Freiheitsträume der Jugend", in der Retrospektive meist verklärt erscheinen. Statt aber dieses verklärende Erinnern nur vorzuführen, nutzt Modiano es als Erzählprinzip, als "poetische Kraft", erklärt die Rezensentin. Wie so oft bei diesem Autor ist es eine zufällige Begegnung, die die Erinnerungen des Ich-Erzählers in Gang setzt - an seine Zeit als junger Mann und angehender Schriftsteller in Paris, vor fast einem halben Jahrhundert. Der zeitliche Abstand gibt dem Autor die Freiheit, mit der Beleuchtung zu spielen, Lücken zu lassen, einzelne Details oder Momente hervorzuheben und ihnen so auf subtile, unaufdringliche Weise eine allegorische Bedeutungsebene oder gar Symbolkraft zu verleihen, lesen wir. Ein eleganter Roman über Jugend, über Leidenschaft, Kunst und das Erinnern, so die berührte Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 07.04.2025
Dieser kurze Roman des Nobelpreisträgers Patrick Modiano beeindruckt Rezensentin Judith von Sternburg durch seine fast schwerelose Eleganz: "Wie ein Kristall, den man ein wenig dreht" leuchten die verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen um den Erzähler, der den unaufhörlichen Fluss der Zeit und die Unzuverlässigkeit der Erinnerung betrauert, während er versucht, seine Jugend und seine Liebe zu einer Tänzerin wieder gegenwärtig werden zu lassen. Die damals schwierige Situation, Disziplin sowie Traumata der geliebten Tänzerin, werden verknüpft mit dem rettenden Potential der Kunst, das Sternburg auch beim Autor selbst sieht. Ein gelungener, "schwebender Roman" über die Melancholie der Erinnerung, so das Resümee.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.04.2025
Rezensent Niklas Bender freut sich darüber, dass Patrick Modiano in seinem neuen Roman bekannte Motive in origineller Weise kombiniert. Wieder wird im neuen, schmalen Roman des Autors eine Rückkehr in die Jugend und ins Nachkriegsparis inszeniert, wieder tauchen Frauen mit geheimnisvoller Vergangenheit auf, Verbrechen spielen eine Rolle, wieder spielt die Erinnerung dem Erzähler Streiche und so weiter. Im Mittelpunkt stehen eine Tänzerin und ein Chansonschreiber, die miteinander verbandelt sind, die Tänzerin hat einen Sohn von einem anderen Mann. All das entfaltet sich in Retrospektive, erfahren wir, die Erzählung springt gelegentlich von der ersten in die dritte Person, es ist keineswegs klar, wie der Erzähler über alles Bescheid wissen kann. Gern liest Bender dieses Buch, weil es zwar offensichtlich ein weiteres Mal in der bekannten Modiano-Welt spielt, aber gleichzeitig diese durchaus erneuert. Zum einen, weil die Tänzerin als selbstreflexive Figur gelesen kann, die auf Modiano selbst verweist, zum anderen, weil die Differenz zwischen dem heutigen, touristischen Paris und dem der Modiano-Vergangenheit diesmal besonders prononciert ist. Insofern kann dieses Werk immer noch überraschen, so das positive Fazit.