Spätestens mit dem Angriff auf die Ukraine stellt sich die Frage, wie Russland zu dem wurde, was es heute ist. Olaf Kühl kennt das Land wie nur wenige; er hat es über Jahrzehnte intensiv bereist, auch abseits der großen Metropolen, bis nach Sibirien und in den Fernen Osten. In seinem Buch zeigt er, wie sich Russland seit dem Zerfall der Sowjetunion entwickelt hat - wie hellere, freiere Köpfe allmählich durch regimehörige Funktionäre ersetzt wurden, bevor eine mafiöse Geheimdienstelite die Macht an sich riss. Fassbar wird all das in den Schicksalen der Menschen, von denen Kühl erzählt: darunter ein erfolgreicher Unternehmer, der, weil er sich vom Geheimdienst nicht erpressen lassen wollte, im Gefängnis gefoltert und getötet wurde; oder auch ein Separatistenführer, der 2014 an der Annexion der Krim beteiligt war und mittlerweile auf Konfrontation zu Putin geht. Eines lässt sich schon jetzt erkennen: Die völkisch-nationalistische Außenpolitik wird zu heftigen, gewaltsamen inneren Umbrüchen führen, bis hin zum Zerfall des Landes - mit gefährlichen Konsequenzen auch für Europa.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 31.07.2023
Rezensent Ulrich M. Schmid liest hier eine überzeugende und ernüchternde Analyse der Entwicklung Russlands seit dem Zerfall der Sowjetunion. Autor Olaf Kühl vollzieht auf anschauliche Weise nach, wie sich die in den neunziger Jahren gehegte Hoffnung des Westens auf eine Demokratisierung Russlands nach und nach zerschlug, lesen wir. Besonders interessant sind für den Kritiker Kühls eigene Erlebnisse, der als früherer Osteuropa-Referent des Regierenden Bürgermeisters von Berlin häufig mit russischen Diplomaten zu tun hatte und das Land bereiste. Kühl gibt zwar auch positiven Akteuren wie Gorbatschow Raum, so der Kritiker, zeichnet aber generell das düstere Bild eines Landes, dass in einem Strudel aus Krieg und Korruption auf sein Ende zusteuert.
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