Nike Wagner, die Urenkelin des Komponisten Richard Wagner, leuchtet die phantastischen und teilweise bizarren Szenarien aus, die die Köpfe und Seelen des 19. Jahrhunderts beherrscht haben und deren Auswirkungen sich bis tief ins 20. Jahrhundert hineinziehen. In ihrem Buch geht sie Autorin den kulturellen, künstlerischen, sozialen und psychologischen Fragen nach, die am Beginn des vergangenen Jahrhunderts standen. Wie hat sich das 20. Jahrhundert vom 19. gelöst? Entwickelte sich die Moderne kontinuierlich oder in Sprüngen? So untersucht Nike Wagner die Geschlechterrollen der Zeit, die jüdische Frage, das Verhältnis von Psychologie, Sprache, Literatur und Musik, Konzepte und Formen des Theaters, die Bayreuth-Rezeption bis zum Dritten Reich, sowie die Frage nach einer spezifischen Ästhetik der Moderne.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.03.2002
Bettina Ehrhardt bespricht diese Sammlung von Essays und Vorträgen der Urenkelin Richard Wagners, der Kulturwissenschaftlerin Nike Wagner. Diese zeichne ein überaus facettenreiches Bild der modernen Gesellschaft anhand der verschiedensten Menschen, Orte und Leidenschaften. Dabei beschäftigt sie sich besonders mit unterschiedlichen Gegensätzen, wie zum Beispiel dem zwischen Mann und Frau oder dem zwischen Außen und Innen. Einen besonderen Platz räume sie Schein und Sein ein, der Beschreibung einer Welt maskierter und sich selbst inszenierender Menschen, die dennoch ein immer größeres Bedürfnis nach einfachen Wahrheiten und Überschaubarkeit des Lebens haben. Die Leidenschaften sehe die Autorin dabei als "Motor von Entwicklung" in jeder Hinsicht, und sie scheut sich auch nicht, so lobt die Rezensentin, deutlich eigene und persönliche Ansichten einzubringen.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 04.10.2001
Alles in allem ist Dieter Hildebrandt recht begeistert von diesem Buch mit Essays und Vorträgen aus nahezu 20 Jahren. Dabei gefällt ihm besonders, dass die Texte nicht einfach aneinandergereiht wurden, sondern einen "Geistertanz von Gestalten" erzeugten, die eine herausragende Rolle im Wien der Jahrhundertwende spielten. Beeindruckt ist er von der "analytischen Schärfe" und der "polemischen Entschiedenheit" der Autorin, wobei er speziell den Text "Vom Künstler und seiner Gräfin" als ein "gelungenes Stück Heimtücke" preist. Einer seiner wenigen Einwände: In einem Text über Theodor Herzl falle die Autorin offenbar ihrer "Theatralisierungslust" anheim, indem sie Herzls Bemühungen um einen eigenen Staat für Juden als einen "Akt der Selbstinszenierung" interpretiere.
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