Monika Maron

Munin oder Chaos im Kopf

Roman
Cover: Munin oder Chaos im Kopf
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018
ISBN 9783100488404
Gebunden, 224 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Mina Wolf, Journalistin und Gelegenheitstexterin, opfert den Sommer, um einen Aufsatz über den Dreißigjährigen Krieg für die Festschrift einer Kleinstadt zu schreiben. Eine irre Nachbarin, die Tag für Tag von morgens bis abends auf ihrem Balkon lauthals singt, zwingt sie, nur noch nachts zu arbeiten. Die kleine, enge Straße gerät in Aufruhr und in Minas Kopf vermischen sich der Dreißigjährige Krieg, die täglichen Nachrichten über Krieg und Terror mit der anschwellenden Aggression in der Nachbarschaft. Als auch noch eine Krähe in ihre nächtliche Einsamkeit gerät, die sie Munin nennt und mit der sie ein Gespräch über Gott und die Welt beginnt, ist das Chaos in Minas Kopf komplett.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.04.2018

Ein politischer Thesenroman, gut, daran findet Rezensentin Iris Radisch erst mal nichts auszusetzen. Das Genre hat schließlich eine lange Tradition. Stilistisch brillant ist er eh, meint sie. Aber dass die Krähe, mit der die "politisch unkorrekte" Ich-Erzählerin tagespolitische Themen diskutiert, so einig ist mit dieser Erzählerin, gerät ihr doch nahe an die "politische Rechthaberei". Einerseits. Andererseits findet sie die Krähe außerordentlich interessant. Und schließlich geht ihr ein Licht auf: die Autorin spricht mit der Krähe in sich selbst. Soviel Selbstironie stellt für Radisch alle irritierenden Thesen erst in den richtigen Kontext: Sie erkennt die "großartige" Schriftstellerin wieder.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2018

Rezensent Andreas Platthaus erkennt, dass Monika Maron zentrale Passagen aus ihrem Buch "Krähengekrächz" zu einem Roman verarbeitet hat. Für Platthaus kein Mangel. Der Rezensent ergötzt sich an den politischen Gesprächen, die Maron inszeniert zwischen einer Berliner Zeitgenossin, die an einem Text über den Dreißigjährigen Krieg arbeitet, und einer schlauen Rabenkrähe. Wie schlimm es um uns steht, ahnt Platthaus spätestens, wenn der Vogel die Auflösung aller zivilisatorischen Bande suggeriert und als eine Art Gott erscheint. Ein bitterer Zeitkommentar, meint er.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.03.2018

Rezensentin Julia Encke warnt davor, die Ich-Erzählerin in diesem Roman unreflektiert mit der Autorin zu verwechseln, und das nicht aus literaturwissenschaftlicher Pingeligkeit, sondern weil darin gerade die Pointe liege. Die Ich-Erzählerin Mina Wolf ähnelt Maron durchaus, sie lebt als Journalistin in einer Schöneberger Straße in Berlin und steigert sich, obwohl journalistisch versiert, Tag für Tag in die Schreckensmeldungen von Krieg und Flucht, islamischem Machtstreben und sexuellen Übergriffen durch eingewanderte Männer. Die Ressentiments sind nicht die des Romans, betont Encke, sondern die einer panischen Frau, die sich, befeuert von der allseits gereizten Stimmung, ihren diffusen Ängsten hingibt. Encke sieht hier eindeutig eine Fallgeschichte beschrieben, und die kluge Krähe Munin, mit der sich die Erzählerin auseinandersetzen muss, bürgt ihr dafür. Die Schriftstellerin Maron, schließt Encke, ist klüger als die Leitartiklerin, und sie empfiehlt ihr dringend diesen "enorm kunstvoll konstruierten" Roman mit seiner bewundernswert präzisen Sprache.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.03.2018

Monika Maron ist nicht die Ich-Erzählerin dieses Romans. Die ist eine literarische Figur, möchte Rezensentin Cornelia Geißler erst mal festhalten. Sie liest Marons Roman als Porträt einer jungen Frau, die über der Arbeit an einem Essay über den Dreißigjährigen Krieg das Wahrscheinliche mit dem Unwahrscheinlichen vermengt. Den Dialog, den die Ich-Erzählerin mit einer einbeinigen Krähe auf ihrem Balkon beginnt, findet die Rezensentin spannend. Auch die sarkastisch-scharfe Kommentierung des kleinen Volksaufstands gegen die "Sängerin" auf dem Nachbarbalkon oder zur Geschlechtergerechtigkeit der deutschen Sprache gefällt ihr. Nur wenn Maron ihre Nachtarbeiterin die Flüchtlingsdebatte kommentieren lässt, dampft der Text für Geißler zusammen zum tagesaktuellen politischen Pamphlet.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.02.2018

Für Rezensent Hubert Winkels trifft Monika Maron mit ihrem Buch den Nagel auf den Kopf. Eine solche Eulenspiegelei ist genau, was die Zeit braucht, findet Winkels, der sich in diesem "Kiezroman" durch politische Verärgerungen und viel Weltanschauung lesen muss, um die poetische Intelligenz der Autorin freizulegen und sich von ihr leiten zu lassen. Allegorische Literatur aus den Trümmern der Verblendung, meint er. Das Auftreten der Raben und kauziger Schöneberger-Kiezbewohner gehört nun mal zu einer kräftigen Posse dazu, erklärt er. Dass Maron bei all den Ebenen und Dimensionen des Textes die Themen nicht ins Possierliche abdriften lässt, zeugt für Winkels von erzählerischer Reife.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 24.02.2018

Selten hat Rezensent Tilman Krause ein derart "produktives" Chaos im Kopf erlebt wie in diesem "Stimmungsbild zur Lage der Nation" von Monika Maron. Allein wie die Autorin Historie, etwa den Dreißigjährigen Krieg, mit den Verwirrungen der Gegenwart verknüpft, dabei kleinste Beobachtungen weitsichtig und assoziationsreich deutet und große Politik im Bewusstsein ihrer Ich-Erzählerin zusammenschnurren lässt, ringt dem Kritiker größte Anerkennung ab. Und auch wenn er nicht mit jeder Ansicht Marons einverstanden ist, erkennt er sich doch in so mancher Fragestellung wieder.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.02.2018

Rezensent Rainer Moritz kann überhaupt nichts anfangen mit diesem Roman. Eine Schriftstellerin, die gerade an einer Auftragsarbeit über den 30-jährigen Krieg sitzt, wird in eine Auseinandersetzung über eine Nachbarin gezogen, die auf ihrem Balkon mit grauslich schriller Stimme Opernarien intoniert. Alle Versuche, sie davon abzuhalten und schließlich, sie aus der Wohnung zu vertreiben, schlagen fehl. Daneben bekommt die Autorin, Mina, regelmäßig Besuch von einer Krähe, mit der sie sich über dies und das austauscht, lesen wir. Spätestens als beim Streit um die Sängerin der Begriff "Kampfrhetorik" fällt, mit der politisch korrekte Anwohner die Nervensäge gegen aufgebrachte Taxifahrer verteidigen, ist sich Moritz sicher: Hier spricht keine literarische Figur, sondern die Autorin Monika Maron, die Mina als Sprachrohr für ihre eigenen Ressentiments benutze und dies unter einer fadenscheinigen Handlungsdecke verstecke. Ob diese Auffassung nicht eher von den Ressentiments des Rezensenten kündet, muss der Leser wohl selbst herausfinden.