Aus dem Englischen von Michael Schiffmann. Wie entstehen historische Narrative? Warum bleiben bestimmte Teile der Geschichte in Erinnerung, während andere in Vergessenheit geraten? Wer entscheidet, was dokumentiert und was ausgelassen wird? Der haitianische Anthropologe Michel-Rolph Trouillot untersucht, wie Machtdynamiken, oft unsichtbar, die Geschichtsschreibung beeinflussen und das kollektive Gedächtnis von Gesellschaften formen. Anhand von Beispielen - vom Kolumbus-Narrativ von der Entdeckung Amerikas über den texanischen Heldenmythos der Schlacht von Alamo (1836) bis hin zur vergessenen Geschichte der Haitianischen Revolution (1791-1804) - zeigt Trouillot auf, wie jeder historischen Darstellung ein "Bündel von Verschweigungen" innewohnt, die freigelegt und dekonstruiert werden müssen. Das Schweigen ist nie zufällig, sondern eine ideologische Entscheidung, die die Machtstrukturen der Zeit widerspiegelt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.2025
Michel-Rolph Trouillots Buch, das nun auf Deutsch vorliegt, wird die postkolonialen Debatten der Gegenwart zwar kaum noch revolutionieren, glaubt Rezensent Bert Rebhandl, wichtige Anregungen kann es ihnen jedoch auch heute noch geben. Rebhandl geht kurz auf die Rezeptionsgeschichte des Buches ein und erläutert außerdem, wie Trouillot die haitianische Revolution als einen Aufstand beschreibt, der erst im Moment seines Geschehens zu einem Begriff seiner selbst findet, da er vorher buchstäblich "undenkbar" war. Auch historiografische Aspekte werden bei Trouillot thematisiert, etwa bezüglich des aus der Überlieferung gestrichenen Aufständischen Sans Souci aus dem Kongo. Insgesamt hat Trouillot ein Buch geschrieben, schließt die Besprechung, das man auch heute noch mit Gewinn lesen kann, da es einen neuen, dissidenten Blick auf die Moderne wirft.
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