Michael Theunissen

Pindar

Menschenlos und Wende der Zeit
Cover: Pindar
C. H. Beck Verlag, München 2000
ISBN 9783406461699
Gebunden, 1194 Seiten, 49,90 EUR

Klappentext

Michael Theunissen führt den Leser durch zweihundertfünfzig Jahre griechischer Geistesgeschichte und macht ihn zugleich vertraut mit Grundbegriffen griechischer Philosophie. Dabei unternimmt er erstmalig den Versuch, vor diesem gewaltigen Epochenhintergrund das dichterische Werk Pindars, das seinen Ausgangs- und Bezugspunkt bildet, philosophisch zu interpretieren. Von den Oden Pindars ausgehend und auf sie hin werden Epos und lyrische Poesie auf ihre Aussagen über Glück und Unheil, Ausgeliefertsein und Geborgensein, über Glanz und Elend des Menschen befragt. Deutlich wird, dass der Mensch letztlich ein Spielball der Götter ist und sich nur behutsam tastend einer ihm verhängten Zukunft nähern kann. Deutlich wird aber auch, dass der verantwortungsvoll handelnde Mensch Möglichkeiten erlangt, über sein Los und seine zeitliche Gebundenheit hinauszuwachsen, wenn er sich vor den Gefahren der Hybris hütet, sich die Scheu vor den Göttern bewahrt und sein Leben mutig und selbstbewusst gestaltet. Den Abschluss des Bandes bildet ein Überblick über die wichtigsten Stufen moderner Rezeption des Themas bei Hölderlin, Nietzsche und Heidegger.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.09.2000

Ein "unzeitgemäßes Buch" und "in jeder Hinsicht außerordentlich" ist diese Lektüre Pindars durch den Philosophen Michael Theunissen nach Ansicht des Rezensenten Günter Figal, der in einer sehr ausführlichen und kenntnisreichen, für das allgemeine Publikum aber nicht immer nachvollziehbaren Rezension auf die Beweggründe Thenissens für diese Rückkehr zur antiken Dichtung eingeht. Seiner Ansicht nach geht es hier darum, in einer Tradition mit Hölderlin und Nietzsche, vor allem aber mit Heidegger Grund-, ja Vorerfahrungen der Philosophie zu reflektieren, die nur im Rückgriff auf die griechische Antike wieder formulierbar werden - während sie in der so selbstgewissen zeitgenössischen Philosophie bereits verdrängt seien. Die zentralen Begriffe in Figals Kritik sind dabei - mit Heidegger - Sein und Zeit, wobei nach Figal Theunissens implizierte, an Pindar belegte Kritik an Heidegger sei, dass er die Zeit, entgegen seiner Behauptung, immer noch vom Horizont der Seinslehre betrachte. Darum wendet sich Theunissen, wenn man Figal richtig versteht, Pindar zu, um in einer extrem detailreichen und gelehrten Lektüre des Dichters eben Erfahrungen der Zeit und der "Zeitwende" freizulegen, die "vor" der Philosophie liegen. Figals einziger Kritikpunkt in seiner äußerst respektvollen Kritik ist, dass Theunissen "die Frage nach dem Verhältnis von Philosophie und Dichtung" nicht explizit stellt. "Dieses Verhältnis wird nicht erörtert, weder grundsätzlich noch in der spezifischen Hinsicht, dass man es hier mit einem philosophisch gemeinten Buch über Dichtung zu tun hat."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.08.2000

Um etwa tausend Seiten über einen griechischen Dichter zu schreiben, bedarf es mit Sicherheit der Überzeugung, dieser habe uns noch etwas zu sagen. Und es bedarf, wie Albert von Schirnding bewundernd anmerkt, eines Philologen und Philosophen "in Personalunion", um als Dolmetscher und Deuter dieser Dichtung zu fungieren. Von Schirnding hat sich von Theunissen auf die lange und abenteuerliche Zeitreise mitnehmen, ja mitreißen lassen. Theunissen habe sich auf das Thema Zeit konzentriert, berichtet von Schirnding, das als Vergänglichkeitsklage überpräsent war, aber ebenso konterkariert wurde von der Erfahrung der Transzendenz. Erstaunlich findet der Rezensent, dass es dem Autor gelungen ist, sich ohne Verkürzungen auf sein Thema einzulassen. Aber immerhin hat er ja auch 1094 Seiten dafür gebraucht.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.07.2000

Wolfram Ette wundert sich zunächst, dass der Philosoph Theunissen, der sich sonst vor allem mit der Moderne beschäftige, sich diesem archaischen Lyriker zuwendet. Doch kommt er im Zuge der Lektüre zu dem Schluß, dass es das Anliegen des Autors sei, den griechischen Dichter "für die Moderne lesbar" zu machen. Und so preist der Rezensent den Autor dafür, die "verschütteten Quellen unserer Wirklichkeitserfahrung" freizulegen. Ganz einfach scheint die Lektüre der Untersuchung jedoch nicht gewesen zu sein, den Ette beschreibt seine Leseerfahrung als changierend zwischen "Faszination, zermürbender Erwartung und Enttäuschung". Tadelnswert findet er vor allem, dass der titelgebende Begriff der Zeitwende nicht genau erklärt werden und manche Gedankenbewegung einfach abreißen. Doch bleibt der Text für den Rezensenten ein "außerordentliches Buch", dass, wie er abschließend schwärmt, in den "Üblichkeiten des akademischen Betriebs wie ein Fremdkörper erscheinen" würde.
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