Als noch vor dem 7. Oktober 2023 Hunderttausende in Israel gegen die sogenannte "Justizreform" auf die Straße gingen, blendeten die meisten von ihnen aus, dass das, wogegen sie protestierten - Verlust der Gewaltenteilung und demokratischer Grundrechte -, ein paar Kilometer weiter bereits seit Jahrzehnten Realität ist; betrieben in systematischer Komplizenschaft von staatlicher Willkür und Siedlergewalt, von den israelischen Medien beschwiegen, von der jüdischen Bevölkerung verdrängt. Doch die Besatzung, davon ist der Menschenrechtsanwalt Michael Sfard überzeugt, lässt sich nicht von der Realität der israelischen Gesellschaft abspalten - sie formt nicht nur die Unterdrückten, sondern auch die Unterdrücker. Sie hat eine antidemokratische Ideologie befeuert, die sich zunehmend auch nach innen richtet, um die Grundprinzipien des Rechtsstaats zu demontieren. Die israelische Gesellschaft, so Sfard, muss diese Zusammenhänge verstehen und die Besatzung endlich überwinden. Michael Sfard vertritt regelmäßig palästinensische MandantInnen und Gemeinden vor israelischen Gerichten. Im Kontext dieser Arbeit und im historischen Rückblick entfaltet er Ursprünge und Folgen der antidemokratischen Entwicklungen: von der geplanten "Justizreform" 2023 über die zunehmenden Angriffe auf die Zivilgesellschaft seit 2010, den Sechstagekrieg 1967 und die Nakba bis hin zum Trauma der Schoah - um schließlich in die Gegenwart zurückzukehren: zum Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem darauf folgenden verheerenden Krieg in Gaza.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 02.11.2026
Michael Sfard ist einer der bekanntesten Menschenrechtsanwälte Israels, weiß Rezensent Ofer Waldman, er setzt sich für die Rechte der Palästinenser ein und hat hier einen wütenden Appell an sein Land geschrieben. Größtenteils ist das Buch schon vor dem 07. Oktober entstanden, weiß Waldman, Sfard geht es vor allem um die im Januar 2023 beschlossene Justizreform, er wirft den Israelis vor, autoritäre Strukturen zu unterstützen und dabei permanent zu verdrängen, dass die Justiz in Israel neben der demokratischen Seite auch einen "dunklen Abkömmling" habe, der Palästinenser unterdrücke. Systematisch erklärt der Autor dem Kritiker, wie die Besatzung funktioniert und wie sie das Völkerrecht bricht, als Beispiele werden etwa Enteignungen palästinensischer Bauern im Westjordanland und gewalttätige Siedler herangezogen. Sfards Anklagen gegen Israel, sich selbst im Angesicht der Shoah eine Art Recht auf regionale Vorherrschaft zugeschrieben zu haben, dürften laut Waldman für Nichtisraelis ziemlich hart klingen, aber seine Einordnungen sind aufschlussreich. Waldman hat jedoch Sorge, ob die Appelle des Anwalts noch gehört werden und wenn ja, von wem.
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