Michael Schneider

Der Traum der Vernunft

Roman eines deutschen Jakobiners
Cover: Der Traum der Vernunft
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2001
ISBN 9783462029680
Gebunden, 636 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

In seinem Roman erzählt Michael Schneider die turbulente Lebensgeschichte des Revolutionärs Eulogius Schneider (1756-1794), der vom Vorkämpfer der großen Freiheits- und Gleichheitsideale zum öffentlichen Ankläger des elsässischen Revolutionstribunals wird, zuletzt mit der fahrbaren Guillotine das Niederelsass heimsucht und von Saint-Just gestürzt wird. In der Pariser Abbaye de Saint-Germain-des-Prés, in eine Zelle gesperrt mit einem aristokratischen Gegenspieler, Hypnotiseur und Magnetiseur, dem Grafen Merville, wartet der Jakobinerführer auf seinen Prozess. Mit vielen Bezügen zur Gegenwart erzählt Michael Schneider in wechselnder Erzählperspektive von den Hoffnungen und Mühen, der großen Liebe und Desillusionierung seines Helden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2001

Hermann Kurzke sieht in Michael Schneiders Buch einen doppelt historischen Roman: Am Terreur der französischen Revolution wird die Studentenrebellion abgehandelt, an der historischen Figur des Eulogius Schneider diskutiert der Autor "noch einmal die Fragen von damals". Das erzählerische Vorbild ist, mitunter überdeutlich, wie Kurzke anmerkt, Thomas Manns "Doktor Faustus". Damit allerdings greift Schneider nach Meinung des Rezensenten arg hoch, denn als Kunstwerk scheint ihm der Roman eher unbedeutend: "Das Geredete überwiegt das Gestaltete". Und der aufgepfropften psychoanalytischen Erklärung fürs rebellische Verhalten des Helden kann Kurzke gar nichts abgewinnen. Interessant will ihm das Buch aber als historisches Werk scheinen, "auf hohem Niveau" werden die einschlägigen Fragen behandelt, wenngleich der Rezensent an der Unentschiedenheit, die "jedem Ja immer ein Nein" beimengt, im Autor den typischen Intellektuellen zu erkennen meint.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.07.2001

Paul Michael Lützeler zeigt sich als Mann der klaren Worte: Er findet diesen Roman einfach "aspektreich, spannend geschrieben, subtil argumentierend und gründlich recherchiert". Besonders gut gefällt ihm, dass der Leser nicht nur viel über die Zeit der Französischen Revolution erfährt, sondern auch über Ideologie, Gewalt und Radikalität in der Gegenwart. So sieht er etwa in der Figur des Saint-Just einen Schreibtischtäter in der Art Eichmanns und in der Gewalteskalation Parallelen zur RAF. Was die Person des Protagonisten betrifft, so meint Lützeler, dass hier besonders gut deutlich wird, wie ein "sensibler, literarisch gebildeter Politiker als 'Gewaltidealist' (...) wider Willen in den Mahlstrom eines Geschehens gerät", das sich für ihn als unkontrollierbar erweist. Die Beziehung des Protagonisten zu seiner späteren Frau gehört für den Rezensenten zu den "bewegendsten Liebesgeschichten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur", die seiner Ansicht nach sogar in der Tradition des "Werther" stehe. Und noch mehr Lob hat Lützeler parat: Die Diskussionen des Protagonisten mit seinem Zellengenossen Melville gehören für ihn "zum Besten, was für und wider die Französische Revolution gesagt werden kann".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.06.2001

Nach Martin Ebel hat dieses Buch einige Stärken, jedoch auch - und vor allem - große Schwachpunkte. Zu den Stärken zählt Ebel vor allem die "sorgfältige Rekonstruktion der Verhältnisse in einer revolutionären Stadt, die eben nicht Paris ist", sowie die Tatsache, dass der Roman "Ausblicke erlaubt in die Abgründe der folgenden Geschichte". Wenig Verständnis kann der Rezensent jedoch für die Sympathien aufbringen, die Schneider seinem Helden gegenüber hege, etwa wenn der Autor erwähnt, dass ja gar nicht so viele der Todesurteile des Elogius Schneider vollstreckt worden seien und er ja 'nur Schlimmeres verhüten' wollte. Darüber hinaus hält Ebel diesen Roman in sprachlicher Hinsicht für ein "uneinheitliches, ja unsicheres Buch", weil der Autor zwischen sprachlichen Wendungen des 18. Jahrhunderts und der Gegenwart hin- und herspringt. Dabei stört sich der Rezensent auch an einigen "klischeehaften Wendungen" wie: 'das ging ihm an die Nieren' oder auch 'wir ließen die Hüllen fallen'. Etwas mehr Sorgfalt hätte - was den Stil betrifft - nicht geschadet, findet Ebel, der sich dabei auch an die Adresse des Lektorats richtet. Dennoch: Respekt habe dieser Roman insgesamt "durchaus verdient", meint der Rezensent.