Dass Deutschland wegen der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs eine historische Verantwortung gegenüber Russland besitzt, wird nur selten in Zweifel gezogen. Dass dasselbe mehr noch für die Ukraine gilt, ist dagegen sehr viel weniger im öffentlichen Bewusstsein verankert. Martin Schulze Wessel legt die erste Geschichte der deutsch-ukrainischen Beziehungen vor und ruft in Erinnerung, wie eng die deutsche und die ukrainische Geschichte im 20. Jahrhundert miteinander verflochten sind. In seinem Buch zeigt er, wie historische Erfahrungen bis heute fortwirken, und fragt, was das für unser heutiges Verhältnis zur Ukraine bedeutet. Im Ersten Weltkrieg verbanden sich die kolonialen Pläne der Deutschen für Osteuropa mit den Bestrebungen der ukrainischen Nationalbewegung. So wurde die Gründung eines ukrainischen Nationalstaats 1918 durch die deutsche Besatzung des Landes möglich. Auch deshalb suchte Stepan Bandera im Zweiten Weltkrieg die Allianz mit NS-Deutschland, doch Hitlers koloniales Projekt unterschied sich fundamental von dem des kaiserlichen Deutschland. Die Ukraine wurde zum Zentrum des deutschen Vernichtungskrieges. Nach 1945 verschwand die Ukraine im deutschen Bewusstsein wieder in der Sowjetunion, und auch nach 1991 blieb sie eine vielfach übersehene Nation mit fatalen Folgen für die deutsche Reaktion auf den russischen Angriffskrieg seit 2014.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 14.02.2026
Reichhaltig und fundiert scheint Rezensent Christian Thomas zu finden, was Martin Schulze Wessel in seinem neuen Buch über Deutschlands Verhältnis zur Ukraine zu sagen hat. Wie schon in seinem Buch "Fluch des Imperiums" liefere der Münchner Osteuropahistoriker einen "Faktencheck": Souverän und gut recherchiert werde dargelegt, wie stark die deutsche Sicht auf die Ukraine schon seit dem 19. Jahrhundert von der russischen beeinflusst war. Wessel rolle dabei verschiedene Varianten auf, in denen die Ukraine für Deutschland mindestens in den "toten Winkel" verbannt wurde; besonders tritt dabei neben der nicht abreißenden Gewalt gegenüber der Ukraine die Erkenntnis des Kremls in den 50er Jahren hervor, dass "die deutsche Öffentlichkeit besonders zugänglich für Beeinflussung" sei, wie Thomas zitiert - besonders schlecht kommen dabei die SPD-Kanzler weg. Auch auf hartnäckige Mythen über die Nation sogar in akademischen Kreisen kommt der Autor laut Thomas zu sprechen, auf einen aggressiven Nationalismus auch in der Ukraine, auf die deutsche Täterschaft im Holocaust. Das alles scheint der Kritiker treffend analysiert zu finden, wie auch die vielen Zitate zeigen. Einzig einen Bezug zu Gerd Koenens wichtiger Analyse des deutschen "Russland-Komplexes" scheint er zu vermissen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.01.2026
Rezensent und Historiker Ulrich M. Schmid bezeichnet das Buch des Osteuropahistorikers Martin Schulze Wessel als "sorgfältig recherchierten" Augenöffner in Bezug auf die deutsch-ukrainischen Beziehungen und die historischen Linien, die auf die deutsche Ukraine-Politik von heute zulaufen. Der Autor informiert laut Schmid über die Russlandzentrierung und das späte Interesse an der Ukraine als eigene Nation, über die anschließende Instrumentalisierung der Ukraine im Machtspiel gegen Sowjetrussland und die Unterschiede der Ukraine-Politik zwischen SPD und CDU/CSU.
Das neue Buch des Osteuropahistorikers Martin Schulze Wessel beschäftigt sich mit dem deutschen Blick auf die Ukraine und der Geschichte der deutsch-ukrainischen Beziehungen. Es handelt sich um eine von den Deutschen fahrlässig oder absichtlich "übersehene Nation", so der Historiker im im SZ-Interview mit Moritz Baumstieger und Jens-Christian Rabe. Der Blick war schon dadurch verzerrt, dass die im Zweiten Weltkrieg getöteten Soldaten der Sowjetunion alleine Russland zugerechnet wurden und nicht den einzelnen Staaten, wie zum Beispiel der Ukraine, erklärt Schulze Wessel. Dies äußere sich zum Beispiel darin, "dass Ex-Kanzler Gerhard Schröder noch 2016, also zwei Jahre nach der Annexion der Krim, sich gegen eine Unterstützung der Ukraine aussprach. Weil sich dies ja gegen Russland richte - und Russland gegenüber sei Deutschland im Zweiten Weltkrieg doch schuldig geworden. Ich würde Diskussionen im Sinne von Opferkonkurrenzen immer als unselig bezeichnen. Aber wenn die Verluste Russlands einseitig hervorgehoben werden, muss man auf die größere Betroffenheit der Ukraine durch die deutsche Besatzung hinweisen. Die Ukraine war zu hundert Prozent von den Deutschen besetzt, Russland zu zehn Prozent. Bei allem Schrecken, den der Krieg auch für die Russen bedeutete, ist dieser grundsätzliche Unterschied doch zu berücksichtigen." Unser Resümee
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