"Wann haben wir gemerkt, dass wir in einem neuen Land leben? Und woran? Und wie lernen wir, gegen den Wind zu atmen, der sich unheilvoll zusammenbraut und mit scharfen Böen in die Lungen drückt?" 2024 startete ein ungewöhnliches literarisch-soziologisches Projekt. Mit Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault wurden drei namhafte Autorinnen als "Überlandschreiberinnen" ausgeschickt, um die Stimmung in Ostdeutschland zu ergründen, verborgene gesellschaftliche Brüche und Kipppunkte sichtbar zu machen. Während Manja Präkels gezielt zivilgesellschaftliche Initiativen und Brennpunkte in Brandenburg besuchte, bereiste Tina Pruschmann mit dem Fahrrad entlegene Regionen im sächsischen Erzgebirge. Barbara Thériault heuerte als Lokaljournalistin bei einer thüringischen Zeitung an, und Alexander Leistner folgte mentalen Entwicklungslinien, deren Anfänge teils noch vor 1989 zu verorten sind. So entstanden literarische Reportagen über die Normalisierung rechtsextremer Strukturen und Narrative, bedrohte Kulturvereine und Gedenkstätten, bizarre Infrastrukturprojekte in Ruinenlandschaften. Über Menschen, die wegsehen und schweigen, und solche, die tagtäglich ihr Bestes geben, um im tobenden Sturm der Umwertung aller Werte weiter gegen den Wind zu atmen.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 15.10.2025
Nichts in Deutschland ist noch normal, liest Rezensent Jens Uthoff in den Reportagen, die Autorinnen und Autoren vom Projekt "Überlandschreiberinnen" 2024 bei ihren Reisen durch Ostdeutschland verfasst haben. Wir lesen von der "fortgeschrittenen Normalisierung" rechten Gedankenguts, ein Punkmusiker aus der Oberlausitz berichtet von einem düsteren Zustand, in dem allerhand Verschwörungstheorien sofort aufgenommen werden, fast egal, worum es eigentlich geht. Uthoff liest starke Alltagsszenen und Beobachtungen, aber auch Erklärungen zum Erstarken der Neuen Rechten: Zuviel Ignoranz und Gleichgültigkeit für den Osten. Auch der Kritiker befürchtet, dass die Demokratie zerbricht und empfiehlt den Band als "Aufschrei."
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