Rosa und Karl - fast alle verbinden mit diesem Doppelnamen etwas, aber fast alle etwas anderes. Worauf gründet der Mythos, auf welchen Worten, auf welchen Taten? Ein grandioses Missverständnis? Eine über Jahrzehnte vervollkommnete Fälschung?
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 26.08.2002
Was Manfred Scharrer da in seiner Doppelbiografie über Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht schreibt, ist ja alles richtig, meint Norbert Seitz. Natürlich verberge sowohl der Liebknecht-Kult als auch der "fast ins Kitschhafte abgedriftete Rosa-Mythos" die dunklen Flecken in der Vergangenheit der beiden. Natürlich sei höchst fragwürdig, ob der Sozialismus die "wahre Demokratie" ist. Vielleicht war für die beiden die Demokratie ja nur das Mittel zur Erringung der Macht. Und ja, ziemlich sicher hätten Rosa und Karl dem Rufmord nahestehende Methoden angewandt. Aber für eine Doppelbiografie, die als "Legendenzerstörung" angelegt ist, reiche es nicht, nur "Radikalismen auf den Index zu setzen". Der Rezensent vermisst die Berücksichtigung der "repressiven Bedingungen" der damaligen Zeit, in denen die Aussagen entstanden. Die "heiße Nadel", mit der der Text aus Anlass der aktuellen Berliner Debatte um ein Rosa-Luxemburg-Denkmal gestrickt worden sei, sieht man dem Band auf Schritt und Tritt an, kritisiert Seitz. Für ihn wäre ein "Psychogramm" dieser beiden höchst widersprüchlichen Persönlichkeiten sinnvoller gewesen.
Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung um ein Rosa-Luxemburg-Denkmal in Berlin habe der Autor Manfred Scharrer, Leiter der Bildungsstätte Ver.di in Mosbach und erklärter Gegner dieses Vorhabens, mit diesem Buch den Versuch unternommen, die Legende von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht als Vertreter eines "besseren, demokratischen Sozialismus" zu "entlarven", schreibt der Rezensent Volker Ullrich. Zufrieden ist er mit dem Buch nicht. So vermisst Ullrich jeden Respekt vor der Leistung der beiden deutschen Politiker. Der Autor nehme in seiner vorwurfsvoll "polemischen Streitschrift" das Anliegen der beiden Politiker nicht ernst und gehe an den politischen Realitäten des Kaiserreichs und "struktureller Probleme der Bewegung" vorbei, kritisiert Ullrich. Der Autor erwarte die "Einsicht, dass die bürgerlich-parlamentarische Demokratie schon damals alternativlos gewesen sei". Da wundert sich Ullrich doch über den Widerspruch, dass Scharrer das berühmte Zitat der inhaftierten Luxemburg über die Freiheit des Andersdenkenden vom Autor als die "überzeugendsten Formulierungen, die ... jemals für die Prinzipien einer demokratischen Republik gefunden wurden" gelobt werden. Ullrich empfiehlt interessierten Lesern jenseits des "ideologischen Grabenkampfes", sich lieber an Willy Brands Radioessay über Rosa Luxemburg zu halten.
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