Lukas Hammerstein

Die 120 Tage von Berlin

Roman
Cover: Die 120 Tage von Berlin
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783596159758
Gebunden, 220 Seiten, 10,00 EUR

Klappentext

Mitten in Berlin, im noch kalten, neuen Herz der Stadt, betziehen Menschen die noch unvermieteten Räume eines neuen Büroturms. Im Auftrag der Investoren sollen sie das riesige Gebäude aus Stahl und Glas für 120 Tage bewohnen, um ihm Leben einzuhauchen und auf diese Weise echte Mieter anzuziehen. Die "Pseudomieter" bilden eine fragile Gemeinschaft aus Träumern, "tüchtigen Versagern" und skurilen Einzelgängern, die den Ausstieg aus der Normalität erproben - "Nischenspezialisten", die eine Lücke in der Realität für ihre Zwecke nutzen. Am Ende der 120 Tage steht ein Fest, das alle Grenzen sprengen soll.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.03.2004

Misslungen findet Andreas Nentwich "Die 120 Tage von Berlin", die scheinbar den Zeitgeist parodieren wollen, dabei aber in der Pose stecken bleiben. Und schon allein deshalb keinen Spaß machen, weil sie eine Ästhetik des Überdrusses ebenso karikieren wie produzieren, meint Nentwich. Leerlauf und Phrasendrescherei würden in diesem Roman vorgeführt, Leerformeln und Phrasen kämen dabei zum Einsatz und warteten, weil die Maschinerie so reibungslos läuft, vergebens auf ihren "dialektischen Umschlag ins eigentlich Gemeinte". So rauscht der Redestrom, hält Nentwich fest, mäandert der Erzählstrom, der von einem 120 Tage währenden Partyreigen in einem gläsernen Büroturm in der Nähe des Potsdamer Platzes handelt, in dem lauter gesellschaftliche Totalverweigerer die Berufswelt simulieren, 24 Stunden am Tag, ein virtuelles Zerrbild der Leistungsgesellschaft, während draußen die Arbeit erodiert. Allein diesen Grundgedanken lässt Nentwich als "kritische Volte" gelten, doch die unendlichen Hasstiraden der Simulanten, das wahllose Aneinanderreihen von Feindbildern setze sich gegenseitig außer Gefecht, kritisiert er. In dem Maße wie Hammerstein die Verweigerung als totale Affirmation zu parodieren vorgibt, bedauert Nentwich, bleibe er leider doch bloß Mitglied im Zeitgeist-Kollektiv.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.03.2004

Lukas Hammerstein muss von Hans Christian Kosler ordentlich einstecken, denn der Rezensent ist sichtlich verärgert ob dieses Romans ohne Romanhandlung. Die Ansammlung von Lebensformen verschiedener kaputter Typen sowie die Befindlichkeiten des Ich-Erzählers müssen den Roman bestreiten, schimpft Kosler: "angestrengt und pseudooriginell" erzählt. Hammerstein bediene sich eines Jargons, meint der Rezensent, von dem er sich gleichzeitig zu distanzieren versucht, was kläglich fehlschlage. Dem Leser dränge sich daher die Frage auf, ob der Autor nicht letztlich doch dem Lifestyle verfallen sei, den zu verdammen er vorgibt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2003

Rezensent Andreas Rosenfelder rümpft die Nase über diesen Roman, vor dessen Zeichenkulisse aus berlintypischen Signalwörtern ("Hotel Adlon", "Bundestagsverwaltung" oder "Potsdamer Platz") der Rezensent abgedrehte Typen oder solche, die sich dafür halten, auftauchen sieht. Der rebellische Ästhetizismus, dem sich Hammerstein verschrieben habe, gehört für Rosenfelder längst zur Folklore der Kunstszene. Auch scheint er die Exzesse, die Autor Lukas Hammerstein und sein Romanpersonal veranstalten, etwas spießig zu finden. Da war jeder Antonioni-Film aus den Sechzigern fortschrittlicher. Den "Thomas-Bernhard-Ähnlichkeitswettbewerb" gewinnt man so nicht, höhnt er. Auch Edgar-Allan-Poe-Anklänge werden in dieser Geschichte über eine Gruppe "postkapitalistische Hausbesetzter" ausgemacht. Mitunter bietet der Roman dem missgestimmten Rezensenten zwar auch "durchaus scharfsinnige Miniaturen" und Kurzporträts. Zur Geschichte sind sie für ihn nicht zusammengewachsen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.09.2003

Stephan Maus schreibt sich bei der Rezension dieses Romans in Rage. Der Ich-Erzähler der Handlung, bei der sich ein Haufen Szenetypen anbieten, für 120 Tage in ein leer stehendes Hochhaus zu ziehen, um neue, richtige Mieter anzulocken, muss auf einen "außergewöhnlich leistungsfähigen Schwafelgenerator gestoßen sein", vermutet der Rezensent indigniert. Ihm scheint, dass der Autor "Partygequatsche" mit "hochmoderner Prosa" verwechselt hat und er fragt sich wiederholt, was Lukas Hammerstein denn eigentlich mitteilen will. Er hat den Verdacht, dass der Autor das typische Nischendasein Berlins als "Revolte" verkaufen will, wobei Maus nicht einsehen kann, wogegen sich die "pathetische Subversion", die im Roman anhand von alternativen Lebensformen ausgebreitet wird, eigentlich wendet. Für den Rezensenten jedenfalls sind es "alberne Menschen", die sich in dem Buch tummeln, "Pseudo-Pippis" in einem Hochhaus Kunterbunt, und die vermeintliche Revolte ist nichts als "lässige Attitüde", meint er erbost. Maus' Verdikt lautet, dass es sich bei dem Buch nicht um "Literatur, sondern um Text-Design" handelt, die nicht mehr Sprengkraft entwickelt, als ein "trendy Prada-Meinhof-T-Shirt".
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