Lena und Leander ziehen mit ihrem Sohn von Hamburg nach Berlin in einen der stalinistischen Prachtbauten nahe der Karl-Marx-Allee. In diesen Häusern, einst verdienten Kommunisten vorbehalten, sind auch Jahre nach der Wiedervereinigung die alten Strukturen und Seilschaften noch lebendig. Belustigt beobachten die Neuzugezogenen die alten Mieter, die hier seit Jahrzehnten wohnen und wie in alten Zeiten ihr Hausbuch führen. Dann trennen sich Lena und Leander, er zieht aus. Und plötzlich geschehen merkwürdige Dinge: Hatte Lena die Fenster nicht geschlossen? Hat sie wirklich vergessen, die Kerzen zu löschen? Und wen sieht ihr kleiner Sohn, wenn er immer öfter ängstlich von der komischen Frau spricht?
Fröstelnd und beeindruckt hat Daniela Zinser diesen Roman wieder zugeklappt, den sie "eine Art Hausbuch" nennt, in dem die Ergebnisse seltsam spröder wie aufmerksamer Beobachtungen zu lesen sind. Gegenstand der Beobachtung ist die "komische Frau", als die die Erzählerin sich zunehmend selbst wahrnimmt, das langsame Entgleiten ihres Lebens. Beobachtet und beschrieben würden aber auch die Bewohner eines Stalin-Zuckerbäckerstil-Hauses in der Berliner Karl-Marx-Alle mit seiner Mischung aus alten DDR-Überzeugten, Stasi-Spitzeln und jungen Kreativ-Hipstern aus dem Westen. All dies geschieht den Schilderungen der Kritikerin zufolge in einer Sprache, die so karg ist, dass es manchmal knistert. Keine Wohlfühlliteratur, wie man liest, aber zum "Etwas-Lernen", und sei es über sich selbst.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.08.2010
In die Irrungen und Wirrungen des Friedrichshainer "Kreativprekariats" hat sich Rezensent Christoph Schröder in Ricarda Junges neuem Roman "Die komische Frau" gestürzt. Lena, Protagonistin der Erzählung und Alter Ego der Autorin, lebt nach der Trennung von ihrem Freund allein mit ihrem kleinen Sohn in ihrer Wohnung in der Karl-Marx-Allee. Fasziniert von den Hausbüchern aus DDR-Zeiten plant sie selbst, die Ereignisse in ihrem Haus in einem Roman niederzuschreiben. Auf wunderbare Weise erschaffe Junge eine "moderne Geistergeschichte", die sich auf "unterschiedlichen Realitätsebenen" lesen lasse, so der Kritiker. Einerseits werde die Heldin von den Dämonen ihrer zeittypischen Alltagsneurosen geplagt, andererseits stoße sie bei ihrer Recherche auf hässliche Spitzelgeschichten der DDR-Vergangenheit. In dieser bedrohlichen Atmosphäre fühlt sich der Rezensent ständig von Angst bedrängt, ist zugleich aber tief beeindruckt.
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