Lizzie Doron

Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?

Cover: Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?
Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783633541997
Gebunden, 130 Seiten, 16,80 EUR

Klappentext

Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Ihre Mutter Helena, das ist Elisabeths ganze Familie, sonst gibt es keine Verwandten. Und Helena ist nicht wie andere Mütter. Sie kommt von "dort", und hier, in Tel Aviv, im gerade entstandenen Staat Israel, versucht sie für sich und ihre Tochter ein neues Leben aufzubauen. Doch die Vergangenheit wirkt untergründig fort: Helena malt für ihre Tochter ein Bild, um ihr bei den Hausaufgaben zu helfen. "Landarbeit" lautet das gestellte Thema, und während sich auf den Bildern der anderen Kinder Pioniere und Zitrusfrüchte tummeln, wachsen bei Helena nur Grabsteine in den Himmel. In einer Folge von eindringlichen, zum Teil aberwitzigen Episoden erinnert sich Elisabeth an ihre Mutter: eine Überlebende der Shoah, eine mutige und kämpferische Frau, entschieden auf ihre Würde bedacht, die sie mit Witz und Einfallsreichtum zu wahren weiß. Es ist die Gegenwart von Mutter und Tochter, von der Lizzie Doron erzählt, lakonisch und liebevoll - aus der Sicht des Kindes, das aufwächst mit den Ängsten und der Trauer der Mutter, inmitten einer neuen Welt, die davon wenig wissen will und Menschen wie Helena allenfalls fragt: Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2005

Susanne Klingenstein ist von diesem Buch, in dem Lizzie Doron ihre Erinnerungen an das Leben in Tel Aviv mit ihrer Mutter von 1960 bis 1990 notiert hat, berührt und beeindruckt. Sie preist es als "brillantes Erzählmanöver", dass die Autorin die Tragik, die die Mutter umgibt, in der "komischen Verzerrung" wiedergibt, mit der die Tochter das seltsame Verhalten der Mutter wahrnimmt. Es wird fast nichts über die Vergangenheit der Mutter berichtet, deren Verwandte alle durch die Nazis umgekommen sind, sondern immer nur deren "Verrückung in der Gegenwart", die die merkwürdigsten Verhaltensweisen erzeugt und die die Tochter nicht versteht, erklärt die Rezensentin. Daneben erfahre man viel über das Leben in Israel wie die Reaktionen auf den Eichmann-Prozess oder den Sechstagekrieg, so Klingenstein begeistert. Sie lobt die Klugheit und die "große emotionale Selbstdisziplin" mit der die Autorin von ihrer Beziehung zur Mutter erzählt und findet, dass Doron mit diesem Buch ihrer Mutter einen "strahlenden Gedenkstein" gesetzt hat.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.01.2005

Ein "wunderbares Buch" mit "großem Feingefühl und Gespür für stille, bittere Komik" erblickt Rezensent Carsten Hueck in Lizzie Dorons Erinnerungen an ihre Mutter Helena, eine Überlebende des Holocaust, die nach dem Krieg nach Israel einwanderte. In zwanzig Episoden aus dem israelischem Alltag zwischen 1960 und 1990 schildere die Ich-Erzählerin, ihre Tochter Elisabeth, die autobiografische Stimme Lizzie Dorons, "so einprägsam wie unaufdringlich" die "bizarre Existenz" der Shoah-Überlebenden: soziale Isolation, Fremdheit in Israel, Einsamkeit, Schweigen. Doron gelinge es, dem "Unsagbaren Klang und Form", der "Mutter Würde und Individualität" zu geben. Hueck charakterisiert das Buch als Geschichtsbuch und Biografie, verfasst mit Mitteln fiktionaler Prosa. Er würdigt die literarische Subtilität, die zarte, zurückgenommene Stimme, und die Sachlichkeit, mit der die Autorin aus Fragmenten und Leerstellen das Porträt ihrer Mutter formt. Es gelinge ihr, so der Rezensent, "das Schweigen der Mutter zum Reden zu bringen, Kohärenz herzustellen, wo herkömmliche Logik fehlt".