Was man über das Privatleben junger Menschen in China erfährt, hat man so bisher noch nirgends gelesen. Der brutale Realismus dieser Erzählungen ist krasser und eindringlicher als jedes politische Manifest. Das Wort »Intimsphäre« gibt es im Chinesischen nicht, und wer eine Party im Studentenheim feiert, muß damit rechnen, daß plötzlich der Sicherheitsdienst vor der Tür steht, die Personalausweise sehen will und alles durchwühlt. Männer wie Frauen werden in vielfacher Hinsicht gedemütigt, wenn sie nach Freiheit oder persönlichem Glück streben. Lingyuan Luo, die seit Jahren auf Deutsch schreibt, erzählt von der Willkür und Schamlosigkeit, mit denen der Einzelne unterdrückt wird. In acht prägnanten, oft geradezu krassen Geschichten zeigt die Autorin, daß Gewalt und Willkür im High-Tech-Dickicht der großen chinesischen Städte genauso zu Hause sind wie auf dem Land.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 04.01.2006
Die Rezensentin Nicole Henneberg freut sich über diese Geschichten der seit 1990 in Berlin lebenden und auf deutsch schreibenden Exil-Chinesin Luo Lingyuan, weil sie stark mit dem Eigensinn sympathisieren, der zum Überleben im China der Achtziger Jahre notwendig war - und trotzdem die harte Wirklichkeit keineswegs idealisieren. Die Realität in den Kurzgeschichten mit ihrem "starr reglementierten Alltag" sei noch weit davon entfernt, wie frei etwa die in der Literatur ebenfalls stark präsente Shanghaier Jugend heutzutage lebt: Lingyuan beschäftige sich nicht nur mit der zunehmenden bürgerlichen Freiheiten, sondern auch mit dem Schock nach deren plötzlicher Einschränkung mit dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989. "Wie auf dünnem Eis bewegen sich die Figuren, die äußere Ruhe trügt".
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 23.06.2005
Die elf Erzählungen, in denen die chinesische Autorin Luo Lingyuan über das Hereinbrechen von Willkür und Gewalt in das Privatleben ahnungsloser Menschen in China berichtet, haben den Rezensenten Sebastian Handke erschüttert. "Eindringlich" zeigt die Autorin, die 1989 nach der Niederschlagung der Studentenproteste China verließ, die "Geringschätzung" des Individuums durch die staatlichen Organe, so der Rezensent berührt. Lingyuan schreibt in "einfacher Sprache" und ohne zu dramatisieren, stellt Handke beeindruckt fest, und auch wenn er findet, dass die Autorin "die Hilflosigkeit und Einsamkeit" der Figuren in ihren Erzählungen "etwas übertrieben" hat, so hat er doch selten "derart schmuck- und schonungslos" über "Gewalt in solchen Gesellschaften" gelesen, wie in diesem Erzählband.
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