Leonid Zypkin

Ein Sommer in Baden-Baden

Roman
Cover: Ein Sommer in Baden-Baden
Berlin Verlag, Berlin 2006
ISBN 9783827004888
Gebunden, 238 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Alfred Frank. Mit einem Vorwort von Susan Sontag. Ein Zug fährt durch die Nacht. Ein junger russischer Intellektueller ist auf dem Weg nach Leningrad, auf den Spuren des großen Romanciers Fjodor Dostojewski. In einer alten, zerfledderten Ausgabe liest er das Tagebuch von Anna Grigorjewna, der Ehefrau und großen Liebe des Schriftstellers. Bald ist er so gebannt von diesen Aufzeichnungen einer Ehe, dass die Figuren zum Leben erwachen - ein zweiter Zug fährt in entgegengesetzter Richtung, im Jahre 1867 reist das frisch verheiratete Ehepaar Dostojewski nach Baden-Baden, das Eldorado aller Spieler. Es folgt eine Zeit voller Irrwege und Kämpfe, ein jahrelanger Grenzgang zwischen Dostojewskis begnadeter Vorstellungskraft und seiner sadistischen Launenhaftigkeit, zwischen kreativen Schaffensräuschen und lähmender Epilepsie. Der Leser begleitet das Paar auf seiner Odyssee durch die Psyche einer Ehe. Dostojewskis zerstörerische Spielsucht treibt sie an den Rand des Ruins, ein geheimnisvoller Brief einer früheren Liebe wird für seine junge Frau zur seelischen Zerreißprobe.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.07.2006

Als "eine der schönsten Entdeckungen der jüngeren Literatur" und "rares Meisterwerk" feiert Rezensent Christoph Keller diesen zwischen 1977 und 1980 geschriebenen, einzigen Roman des sowjetisch-jüdischen Arztes Leonid Zypkin. Ein Buch, das Keller zu den "Klassikern des 20. Jahrhunderts" gezählt wissen will. Allein schon für seine Sprache, ihren "hüpfend mäandernden Endlosschlaufensätzen" gehöre Zypkin ein Sonderplatz, und zwar neben Proust und Hrabal. Der Roman erzählt dem Rezensenten zufolge "die Kopfreise eines Intellektuellen" aus bleierner sowjetischer Gegenwart in das 19. Jahrhundert Dostojewskis, in dem sich eben jene Gegenwart mit zaristischer und deutscher Vergangenheit vermenge. Der Rezensent sieht alles "in Zeitgleichheit" wie im Traum ineinander über gehen und ist wie hypnotisiert von der sehnsüchtigen Suggestivkraft dieses Romans. Auch Alfred Franks "kongeniale Übersetzung" und Susan Sontags Vorwort - Keller zufolge die Entdeckerin des Romans -werden hochgelobt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.05.2006

Mit Haut und Haar schließt sich Rezensent Andreas Breitenstein dem Diktum Susan Sontags an, dies sei einer der aufregendsten Romane des 20. Jahrhunderts. Aufregend zum einen wegen eines "ekstatischen" Prosastils, der in seitenlangen Sätzen die Reise des Autors in der Sowjetunion mit Dostojewskis Deutschlandreise bis zur Ununterscheidbarkeit verwebe. Dieser Stil harmoniert für den Rezensenten perfekt mit dem manisch-depressiven Wechselbad der Gefühle seines Helden Dostojewski und der dramatischen Beziehung zu seiner zweiten Frau Anna Grigorjewna. Aufregend, so der Rezensent, sei Leonid Zypkins Roman aber auch insofern, als die exaltierte Schreibweise Resultat eines sehr bewussten und modernen Stilwillens sei. Nicht allein die Sprache, auch der Sinn platze hier gewissermaßen aus allen Nähten und Zypkin liefere über Puschkin bis zu Solschenizyn eine kleine russische Geistesgeschichte. Das Meisterstück des gelernten Pathologen und seiner einfühlsamen und zugleich kalkulierten Darstellung stellt für den Rezensenten schließlich die Beschreibung von Dostojewskis Tod dar.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.03.2006

Für Katharina Granzin bewegt sich Leonid Zypkins Roman "Ein Sommer in Baden-Baden" im Spannungsfeld zwischen "zwei Welten, zwei Zeitaltern, zwei Geschlechtern", in dem einzig das erzählerische Alter Ego Orientierung verspricht. Dass dieser Roman überhaupt in der Neuauflage erscheint, verdanke sich Susan Sontag, die sich an einem abgegriffenen Exemplar festlas und in dem sowjetischen Nauturwissenschaftler und Dissidenten "einen der ganz Großen des letzten Jahrhunderts" erkannte. Zypkins Alter Ego begibt sich auf die Spuren des Spielers Dostojewskis , ausgerüstet mit den Tagebuchaufzeichnungen von dessen zweiter Frau Anna. Allerdings liefert der Autor hier weder die nüchterne Beschreibung eines Sommers, noch maße er sich die Perspektive des großen Schriftstellers ungebührlich an. Vielmehr, so Granzin, führt der Roman in eine Möglichkeitswelt und finde "eigene poetische Bilder für die Leidenschaften und Leiden eines Mannes, der in seiner Heimat eine Ikone ist." Besonders angetan zeigt sich die Rezensentin von einer "glasklaren, gut lesbaren Syntax", die ihre Sätze "wie Perlen aneinander reiht."
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