Laszlo Darvasi

Herr Stern

Novellen
Cover: Herr Stern
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006
ISBN 9783518124765
Kartoniert, 226 Seiten, 12,00 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer. Es gibt Geschichten, die man nie wieder vergisst. Ein Förster findet im Wald einen menschlichen Arm, in die Erde gekrallt, noch warm, er muß mit ungeheurer Kraft ausgerissen worden sein - doch der dazugehörige Körper bleibt unauffindbar. Bevor im buchstäblich letzten Satz der Novelle das Rätsel gelöst wird, hören wir die Leidensgeschichte des Herrn Stern, eines Privatgelehrten, der im vollbesetzten städtischen Konzertsaal philosophische Vorträge hält und dem eines Tages die Wörter verlorengehen; als wäre da jemand, der sie ihm stiehlt. Sein Unglück ist so bizarr und tragisch, obszön und komisch wie gelegentlich das Leben selbst, dessen "Besitzern" in einem Augenblick alle Gewissheit über Wahrheit und Lüge, Schuld und Unschuld abhanden kommen kann.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.03.2007

Unbeschreiblich unheimlich seien die Novellen Lazlo Darvasis dank vieler gut hör- und riechbarer Morde, gibt Rezensentin Yvonne Gebauer einen Geschmack davon, welche Genüsse auf den Leser warten. Wenn beispielsweise das Stirnbein "knirsche" oder Blut- und Rauchgeruch über den "zerfetzten" Knochen wehe. Trefflich übersetzt von Heinrich Eisterer sorgten solche Sinnesreize von Darvasis Sprache für ein Gefühl der "Maßlosigkeit" noch des Ungeheuerlichen. In einer Szene etwa, erzählt die Rezensentin, seziere ein Arzt seine eigene gute Frau, den Rumpf habe er schon bis zum Unterleib aufgeschnitten. Solche Bilder oder Geschehnisse halte der Autor in einer Art Balance zwischen Traumwelt und Realität, und auch seine Figuren, allesamt Sünder und Bösewichter der Finsternis, seien "traurige Grenzgänger". Richtig unheimlich würden die Novellen aber dank einer auch das Sprachliche infizierenden "Atmosphäre der Unsicherheit", jede Rückseite "widerlege" die Vorderseite, und Darvasi selbst schreibe von den sich aufdrängenden Worten hinter dem gesprochenen Wort. Auch Liebespaare gäbe es in dieser Welt, berichtet die Rezensentin, doch ihr Schicksal sei naturgemäß traurig.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.12.2006

"Wir sind selbst die Ungeheuer" aus Laszlo Darvasis Novellenband, befürchtet Rezensent Christoph Keller. Er hat in dem Werk, das eine Auswahl aus frühen Texten des ungarischen Schriftstellers darstellt, ein grundlegendes Prinzip ausgemacht: Zwar fühle sich der Leser ständig in die Historie mit Pestopfern und Hinrichtungen versetzt, doch mit fortschreitender Lektüre fühlt sich der Rezensent immer öfter und deutlicher an die Gegenwart erinnert. Besonders beeindruckt habe ihn die Novelle - der Autor halte sich bei der Definition übrigens streng an die Goetheschen Kriterien - von Herrn Stern, der nach und nach seinen Wortschatz verliert. In "altmodischer" Sprache trage Darvasi seine Geschichten vor, verbindee Vergangenheit und Gegenwart und kreiere dabei immer einen Kosmos, der "brutalen und archaischen" Regeln gehorcht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2006

Alles Normale kann man bei Laszlo Darvasi schlichtweg vergessen, entzückt sich der Rezensent Tilman Spreckelsen, denn von Fugen, aus denen die Welt noch geraten könnte, ist schon weit und breit keine Spur mehr. Alle Stücke seines jüngsten Novellenbandes "Herr Stern" kreisen um die Frage, wie das Böse entsteht, erklärt der Rezensent, und Darvasi liefere seinem Leser anstatt klarer Antworten lieber "mysteriöse Bilder" (wie etwa der titelgebende Herr Stern, von dem am Ende seines qualvollen Vortrags über Gott nur noch ein verkrampfter Arm übrigbleibt), die den Leser einfach nicht loslassen. Insgesamt hinterlassen Darvasis Verwirrungs- und Verwicklungskünste einen fröhlich verunsicherten und reich mit Symbolischem beschenkten Rezensenten.

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.10.2006

Schon den ersten Band mit Erzählungen von Laszlo Darvasis schätzte Rezensentin Ilma Rakusa sehr, und da die jetzt erschienene zweite Novellensammlung des Ungarn der ersten weder stilistisch noch inhaltlich oder im Tonfall nachstehe, darf es nicht verwundern, eine große Hymne an die Einfälle Darvasis' zu lesen, die eigentlich gar nicht nacherzählbar seien. Trotzdem führt Rakusa an einigen Kostproben der Darvasisschen Fabulierkunst die imponierende Bandbreite an "Sprachregistern" dieses Erzählers vor, dessen eigenwillig-groteskem Zauber man sich schwerlich entziehen könne. Zu dieser Wirkung tragen sicher auch die urtümlich-archaischen Grundkonstanten in Darvasis' Erzählkosmos bei, die von phantastischem Aberglaube, Wahnsinn und metaphysischer Reflexion berichten - und nicht zuletzt die für Rakusa hervorragende Übersetzung durch Heinrich Eisterer.
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