Aus dem Französischen von Jonas Empen. Poliakov musste als Kind mit seinen Eltern vor der Oktoberevolution fliehen und gelangte über Berlin nach Paris, wo sein Vater das Pariser Tagblatt ins Leben rief und zum populären Sprachrohr von Schriftstellern wie Heinrich Mann und Oskar Maria Graf machte. 1940 geriet Léon Poliakov in Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Flucht schloss er sich der Résistance an und beteiligte sich an der Rettung von Juden. Noch während der Befreiung Frankreichs begann Poliakov mit der Sammlung von Täterdokumenten und war Mitglied der französischen Delegation bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Schon 1951 entstand auf Anregung von Alexandre Kojève und Raymond Aron seine Studie "Le Bréviaire de la haine", der erste systematische Versuch, den Massenmord an den Juden zu dokumentieren. Poliakov betonte im Gegensatz zu deutschen Historikern schon sehr früh die zentrale Rolle des eliminatorischen Antisemitismus. Aber die um die Deutungshoheit der Shoa ringenden deutschen Geschichtswissenschaftler haben den Résistanceaktivisten und Autodidakten im akademischen Betrieb bis heute ignoriert.
Thomas Palzer liest die Memoiren des russisch-jüdischen Holocaust-Forschers Leon Poliakov mit großem Gewinn. Leider erscheinen ihm Poliakovs Erlebnisse auf der Flucht vor den Nazis höchst aktuell, und sei es nur, um daran zu erinnern, wie und weshalb der Staat Israel einst entstand. Von der deutschen Kriegsgefangenschaft erzählt der Autor laut Palzer ebenso eindringlich wie von seiner Flucht nach Marseille und der Grundsteinlegung für seine Forschung. Eine gewisse, den verschiedenen Enststehungszeiten der Texte geschuldete Inkohärenz muss der Leser laut Palzer allerdings inkaufnehmen, um dieses fesselnde Zeugnis eines großen Leids, diese "zweite Éducation sentimentale" aufzunehmen.
Rezensent Detlev Claussen hat größten Respekt vor Léon Poliakovs Versuch, den Holocaust zu dokumentieren. Dem Kritiker zufolge sind alle zwischen 1946 und 1981 entstandenen Schriftstücke, die der jüdisch, russisch und französisch geprägte "Halb-Intellektuelle" hier versammelt hat, diesem ambitionierten Projekt geschuldet. Einzig eine gesellschaftliche Einordnung des Antisemitismus vermisst der Rezensent hier. Poliakovs Dokumentation erscheint seiner Meinung nach deshalb zu wenig kontextualisiert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2019
Rezensent René Schlott hofft, dass diese Ausgabe von Léon Poliakovs Memoiren über 20 Jahre nach dem Tod des russisch-französischen Historikers und Holocaustforschers zu einer Edition seiner Pionierarbeit über die Ermordung der europäischen Juden "Bréviaire de la haine" anregt. Poliakovs erstmals übersetzte Lebensbeschreibung, vor allem über die Jahre 1940 bis 1944, findet Schlott lebendig. Teilweise verfasst als "Abenteuergeschichte" geben sie dem Rezensenten Einblick in Poliakovs Zeit in deutscher Kriegsgefangenschaft und in der Résistance.
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