Laszlo Krasznahorkai

Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss

Roman
Cover: Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss
Ammann Verlag, Zürich 2005
ISBN 9783250600800
Gebunden, 154 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. Im Süden Kyotos, an der einschienigen Schnellbahn der Kaihan-Linie gelegen, nur eine Haltestelle außerhalb der Stadt, ist ein Kloster. Eine labyrinthische Steigung führt den Enkel des Prinzen von Genji an diesen abgelegenen Ort. Irgendwo hier müßte er sein, der schönste Garten der Welt. Wie von selbst werden seine Schritte durch die Klosteranlage gelenkt. Eine ausgeklügelte Bauweise hat die Natur in Form gebracht, jedes Ding hat seinen Platz und seine wohlgeformte Gestalt eine Bedeutung an sich. Und so eröffnet sich ein feiner, minutiöser Blick auf die Natur, auf Pflanzen, Wind und Vögel, wie auch auf die Architektur, auf Pagoden, Höfe, Terrassen.Das Kleine groß werden zu lassen, Unauffälliges in den Mittelpunkt zu rücken, die Bedeutung zu erkennen, die selbst dem scheinbar Zufälligen innewohnt, Schönheit im Alltäglichen aufzuspüren und das ordnende Prinzip im angeblichen Chaos zu benennen, all das leistet Laszlo Krasznahorkai bei seinem Ausflug in die japanische Landschaft und in Japans Ideen- und Gedankenwelt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.06.2005

"Japanischer als das Original" kommt Hans-Peter Kunisch diese Erzählung von Laszlo Krasznahorkai über die Suche des Genji-Enkels nach dem perfekten Garten vor, und das meint er durchaus anerkennend. Wie ein Haiku sei das Werk "auf beeindruckende Weise" konzentriert, trotzdem komme wie in einem Epos alles zur Sprache, von der Entstehung eines Erdbebens bis zur unaufgeräumten Kammer eines nachlässigen Abts. Der Enkel des mythischen Helden Prinz Genji, ein "schöner, schwacher Spätling", sucht in einem Kloster nach dem vollendeten Naturerlebnis. Neben einer "überzeugenden Dramaturgie", die sich aus der Anordnung des in Ruinen versunkenen Klosters speist, schafft es Krasznahorkai, die Schönheit der Natur nicht nur zu beschreiben, sondern sie in "weit ausgreifenden, Jahrhunderte umfassenden Sätzen" geradezu Wirklichkeit werden zu lassen, berichtet der Rezensent ergriffen. Ein lohnendes Leseerlebnis offenbar, abgerundet mit einer Prise "spielerischer Ironie" und verfeinert durch die "wunderbar rhythmische" Übersetzung von Christina Viragh.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.05.2005

Als "grandiose japanische Meditation" würdigt Andreas Breitenstein diesen Roman des ungarischen Schriftstellers Laszlo Krasznahorkai. Das Werk, in dem Krasznahorkai an Murakasi Shikibus um das Jahr 1000 verfasste japanische Nationalepos über den Prinzen Genji anknüpft, hat Breitenstein überaus fasziniert. Andächtig, fast weihevoll folgt er der Initiationsgeschichte, die Krasznahorkai erzählt. Als Ausgangspunkt dient die Pilgerreise eines Enkels des Prinzen Genji, ein grüblerischer Einzelgänger, der einer animistisch belebten Wirklichkeit anheimfällt, in der alle Logik und Kausalität außer Kraft gesetzt ist. Dieser Enkel erinnert Breitenstein an eine Anime-Figur aus Hayao Miyazakis Zeichentrickfilm "Chihiros Reise ins Zauberland": "Beide Helden (und mit ihnen die Leser/Zuschauer) tappen im Dunkeln, angstvoll und doch seltsam aufgehoben in einer Balance von Spiritualität und Surrealität, die auch der komischen Momente nicht entbehrt." Besonders beeindruckt zeigt sich Breitenstein von Krasznahorkais Naturschilderungen, die zur "betörenden Seinsmeditation" werden. Leichte Kost bietet das Werk, das voller Rätsel, aber auch voller Evidenzen sei, nach Breitensteins Ansicht nicht. Der Aufmerksame aber werde mit einem "Meisterwerk voller Musik, Magie und Meditation überreich belohnt".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.2005

So lang der Titel, so kurz das Buch - und so großartig die Prosa, die zwischen seinen Deckeln aufgehoben ist, findet Harald Hartung. Dieser Roman, schreibt er, bewegt sich "auf Messers Schneide zwischen dem absolut Phantastischen und dem absolut Realen", zwischen einer Zeit und Zeitlosigkeit. Der Held scheint einem Roman der japanischen Heian-Zeit - "also um 1000" - entstiegen, doch sind ihm zugleich, raffiniert und fein, die grauenhaften Erfahrungen der jüngeren Geschichte eingeschrieben. Er ist ein Suchender wie "Parzival, Faust oder Hans Castorp", der durch die "Ringe einer buddhistischen Tempelanlage" einen Weg ins Innere sucht und findet, vorbei am hölzernen Buddha, "der seit tausend Jahren diesen von der Welt abgekehrten traurigen Blick hat", vorbei an den heiligen Schriftrollen - hin zu dem kleinen Garten im Allerinnersten des Heiligtums. Doch was findet der namenlose Held? Nicht den "Garten der Erkenntnis" wie noch der Fürst in "Leopold von Andrians Büchlein von 1895", sondern "die Erkenntnis des Gartens" - die Schönheit als "Leerstelle" und "Traum". Es ist eine stumme Erkenntnis, doch das, so Hartung, gilt nicht für Laszlo Krasznahorkai, "der für die sprachlos machende Wirkung des Gartens eine Seite wunderbarer Prosa findet". Wie er schon zum Auftakt des Buches in einem Satz, der sich sich über zwei Seiten erstreckt, die "eigentümlichen Wirklichkeit" dieses Romans in atemberaubender stilistischer Virtuosität entwirft. Deshalb kommt zur Bewunderung des Rezensenten für den Autor ein hohes Lob der "kongenialen" übersetzerischen Leistung von Christina Viragh.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.04.2005

Der Leser, der hofft, ein Ziel "schnell" zu erreichen, ist mit Laszlo Krasznahorkais neuem Roman "auf der falschen Spur", warnt Rezensentin Verena Auffermann. Der Ungar, ein "schwebender Schreiber", sei nämlich in Japan und damit in einer Kulisse unterwegs, die "wie für ihn gebaut" sei. Protagonist ist kein geringerer als der Enkel des Prinzen Genji, eine Figur, die vor 1000 Jahren von Murasaki Shikibu erfunden und in 54 Büchern literarisch besungen worden ist. Der Enkel dieses japanischen "Superstars" macht sich im Buch des ungarischen Schriftstellers auf die Suche nach dem Paradies und durchstreift dabei die heutige Zeit. Die Kritikerin sieht in der Geschichte eine Auseinandersetzung mit dem "kopflastigen" Abendland, eine Meditation über die "realitätsversessene" Gesellschaft. Ein wenig "langatmig" komme der Roman mitunter daher; vielleicht, weil sich Krasznahorkai als ein etwas "übereifriger" Lehrling buddhistischer Werte zeigt. Dennoch empfiehlt sie dieses Buch zur Lektüre - schließlich bleibe es ein "Traktat" von "verworrener" Schönheit.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.03.2005

So weit wie mit diesem Roman hat sich der ungarische Autor Laszlo Krasznahorkai noch nie von Ungarn entfernt, stellt Nicole Henneberg fest. Die Geschichte spielt in Japan, wo der Enkel des Prinzen Ginji - eine überlieferte japanische Mythenfigur - sich aufmacht, um den Ort vollkommener Schönheit zu suchen. Diesen Ort findet er in einem verlassenen Kloster, das, wie in alten Büchern beschrieben, zwischen Berg, See, Weg und Fluss gelegen ist. Henneberg findet es bemerkenswert, dass es dem Autor gelingt, sich in dieser japanischen Geschichte seinen "ganz eigenen Blick" zu bewahren. Auch versuche Krasznahorkai keineswegs, das "Schöne zu vereinfachen", versichert die Rezensentin, weshalb diese "einfache Geschichte" gleichzeitig durchaus kompliziert sei. Der Autor, ein "begeisterter Asienreisender", wie Henneberg weiß, sei in diesem Roman zwar weit weg von seiner Heimat, aber dennoch "ganz bei sich".
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