Jiri Kratochvil

Der traurige Gott

Roman
Cover: Der traurige Gott
Ammann Verlag, Zürich 2005
ISBN 9783250600848
Gebunden, 187 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Aus dem Tschechischen von Kathrin Liedtke und Milka Vagadayova. Ales hasst seine Familie. Er hasst die Jordans, diese Anhäufung geborener Opportunisten, hasst ihre Schamlosigkeit, aus jedem System einen Nutzen zu ziehen. Ob im Kommunismus oder in der freien Marktwirtschaft, die Jordans sind auf Tuchfühlung zu den gesellschaftlichen Schaltstellen, der Familienclan und seine mafiösen Strukturen florieren. Schwarze Schafe gibt es überall - und sie werden nach alter Sitte selbst gerichtet. Onkel Ludwig, seinerseits pädophiler Familienschreck, baumelt zu Ales' Entsetzen alsbald am Kronleucher, und Tante Hrbackova, so ungehorsam wie sie war, findet keinen Platz in der Familiengruft. Wäre da nicht Lucie, gleichermaßen geliebte Gattin und Cousine, dann befände sich Ales wohl schon längst unter dem familiären Damoklesschwert. Doch als er das Angebot ausschlägt, in die Rolle des Familienoberhaupts zu schlüpfen, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Was klingt wie ein klassischer Mafiaroman mit surrealen Momenten, entpuppt sich bald als Parabel über den Totalitarismus im 20.Jahrhundert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.04.2006

Die Verweise auf Kundera und Polanski haben dem Autor Jiri Kratochvil nichts genützt, findet ein unzufriedener Rezensent. Nico Bleutgen lobt zwar die Hartnäckigkeit Kratochvils, mit der dieser den tschechischen Kommunismus überstanden hat, ist aber von dessen neuem Roman "Der traurige Gott" nicht überzeugt. Ein Gesellschaftsporträt, in dem der Bibliothekar Ales sich gegen seine korrupte Familie stellt, der Erzähler aber nach Auffassung Bleutgens schon bald den "Boden unter den Füßen" verliert und "Platitüden" verbreitet. Belehrend wirke die Reflexion über das "Wesen der Gesellschaft" und geradezu "erbarmungslos" findet Bleutgen es, wenn Kratochvil in der zweiten Hälfte des Romans seine erzählerische Strategie dann auch noch erklärt und so dem Buch allen Zauber und jedes Geheimnis nimmt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.01.2006

Nicole Henneberg preist den jüngsten Roman von Jiri Kratochvil als "eindringliche Parabel" und entdeckt in der knappen Erzählung die "Quintessenz" seines bisherigen Romanwerks. Der tschechische Autor nimmt darin die Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts in den Blick und fragt nach den Konsequenzen für die Gegenwart, erklärt die Rezensentin. Hauptfigur ist der Dissident Ales, der dem Machtbereich seiner mafiös agierenden und sich mit dem Regime arrangierenden Familie zu entkommen sucht und sich als Hilfsarbeiter durchschlägt; er muss feststellen, dass sich die "Machtverhältnisse" nach der Wende keineswegs geändert haben und flieht schließlich mit Hilfe des "traurigen Gottes", der im tschechischen Hochland in einem schäbigen Bauwagen lebt, in das Vergessen, fasst die Rezensentin zusammen. Eine überaus "raffinierte Parabel", schwärmt Henneberg, die eine besondere Freude an der Darstellung des "traurigen Gottes" hat, der Ales Leben am Ende an seiner Stelle weiter lebt. So handle die Geschichte schließlich auch von den "anarchischen Kräften des Erzählens".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.11.2005

Wenig aufregende Literatur, stellt der Rezensent Andreas Breitenstein bedauernd fest, hat man seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes von tschechischen Autoren zu lesen bekommen. Eine der Ausnahmen sei bisher der 1940 geborene Jiri Kratochvil gewesen, dessen Romane "Inmitten der Nacht Gesang" und "Unsterbliche Geschichte" im surreal-karnevalistischen Ton mit der tschechischen Geschichte abrechneten. Vom jüngsten Werk, dem schmalen Roman "Der traurige Gott", zeigt sich Breitenstein freilich recht enttäuscht. An der parabelhaften Anlage liegt es nicht. Erzählt wird vom schwarzen, weil moralisch einwandfreien Schaf der finsteren Jordan-Sippe, dem Bibliothekar Alexi, der vor dem Angebot, die Führung des Clans zu übernehmen, in die Berge flieht. Dort begegnet er Gott - und wird zuletzt selbst als armer Irrer zum "traurigen Gott" des Titels. Woran es dem Rezensenten dabei fehlt, ist die richtige Erdung in der Konkretion. Wenig werde hier anschaulich und darum packe es einen nicht, bleibe außerdem allzu "absehbar". Schade, resümiert er: "Der tschechischen Literatur droht wieder einmal einer ihrer Großen abhanden zu kommen."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.11.2005

"Erinnert sich jemand", fragt Irina Liebmann, "an das Gefühl beim Lesen der unerhörten Erlebnisse des großen Witold Gombrowicz in Argentinien?" Bei der Lektüre von Jiri Kratochvils Roman kehrt es nämlich zurück. Anders, "tschechischer" und kleiner - denn "damals tobte der große Krieg". Und was heute tobt, in Tschechien, das fasst Kratochvil in eine Parabel: ein abtrünniger, verachteter Sohn eines mächtigen Clans soll, da er an den mafiösen Machenschaften seiner Verwandten unbeteiligt blieb, nach einem politischen Umschwung seine weiße Weste anlegen und das Ruder der Familie in die Hand nehmen; doch er kann nicht, er zieht sich einmal mehr zurück, und so werden eben aus "Ganoven... Gangster". Und Gott erzählt. Ein trauriges Bild der Gegenwart, konstatiert die Rezensentin, aber auch: ein großartiger Roman, "fantastisch übersetzt von Kathrin Liedtke und Milka Vagadayova".
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