Agota Kristof

Die Analphabetin

Autobiografische Erzählung
Cover: Die Analphabetin
Ammann Verlag, Zürich 2005
ISBN 9783250600831
Gebunden, 77 Seiten, 12,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Agota Kristof erzählt eindrücklich in elf kurzen prägnanten Kapiteln die Geschichte ihrer Herkunft. Die frühe und vorerst wohlbehütete, wenn auch bescheidene Kindheit im Kreis ihres Elternhauses in Ungarn, der Vater ein Dorfschullehrer mit mäßigem Einkommen, ihr Heranwachsen während und nach dem Zweiten Weltkrieg, als von einem Tag auf den andern in den Schulen nur noch russisch gesprochen und gedacht werden mußte, die Verhaftung des Vaters, ihre "Kasernierung" in einem staatlichen Internat, der Tod Stalins, anläßlich dessen die Zöglinge angehalten wurden, über den verstorbenen "Großen Freund der Werktätigen" zu schreiben, ihre Flucht im November 1956, als sie ihrem jungen Ehemann zusammen mit einer Handvoll Flüchtlingen ins Ungewisse folgte, schließlich die Ankunft in der Schweiz und damit für sie, wenn auch in Sicherheit, so doch in einer kulturellen Wüste, weil der Sprache nicht mächtig. Zur Analphabetin geworden, mußte sie, die doch mit vier Jahren bereits lesen konnte, mit ihren Kindern erneut lesen und schreiben und die für sie neue französische Sprache erlernen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.01.2006

Sehr berührt zeigt sich Iris Radisch von diesem Buch der 1956 in die Schweiz emigrierten Ungarin Agota Kristof, deren Roman "Das große Heft" der Rezensentin als "unvergessliche Provokation" in Erinnerung ist und in seinem "humanen Amoralismus" Albert Camus und Imre Kertesz wahlverwandt erscheint. Ihre autobiografische Erzählung "Die Analphabetin" nun hat Radisch als "Bericht über die Einsamkeit, das Abschiednehmen und eine verlorene Kindheit, die sich fortsetzte in ein verlorenes Leben" gelesen. Verloren sind Heimat, Familie, Sprache. Doch erstaunt zeigt sich Radisch auf von Kristofs Antwort auf die Frage, wie sie sich ein weiteres Leben in Ungarn vorgestellt hätte: "Härter, ärmer, denke ich, aber auch weniger einsam, weniger zerrissen, vielleicht glücklich."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.08.2005

Mit großer Begeisterung hat Hans-Peter Kunisch Agota Kristofs autobiografische Erzählung gelesen und jubelt: Ein "Meisterwerk"! Kristof lässt eine Ich-Erzählerin im Ungarn der Stalinzeit aufwachsen, mit Mann und Kind in die Schweiz fliehen und sich dort in einer fremden Welt wieder finden. Der Rezensent erkennt hier viel autobiografisches und ist fasziniert vom "Schock der Fremde", den die Autorin nicht mit möglicher Unfreundlichkeit des Gastlandes begründet, sondern mit der Unverständlichkeit der Sprache und der Einsamkeit der Protagonistin. Dies überzeugt Kunisch; er ist gebannt von der "kompromisslosen Knappheit" Kristofs Sprache und lobt besonders ihre Darstellung der zwiespältigen Stimmung nach Stalins Tod. Seiner Meinung nach ist die Autorin seit ihrem Erfolgsdebüt "Das große Heft" nicht versöhnlicher mit ihrer Vergangenheit geworden, sondern trauert ihr ganz im Gegenteil noch hinterher. Doch das, findet er, tut der Intensität des Textes keinen Abbruch.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.08.2005

Nein, man braucht diese Sammlung von "Erinnerungs-Miniaturen" nicht wirklich, findet der Rezensent Christoph Schröder, zumal Agota Kristofs "großartigen Romane" sich selbst genügen. Aber ansprechend sind diese autobiografischen Notizen allemal, weil dem Leser auch hier die wunderbare "eiskalte Klarheit" des kristofschen Erzählens entgegenschlägt, die nicht zuletzt daher rührt, dass Französisch für die eingewanderte Ungarin eine Fremdsprache ist und Kristof minimalistisch, geradezu als "Analphabetin" schreibt. Ein Rätsel jedoch, freut sich der Rezensent, scheint durch diese Aufzeichnungen gelöst, und zwar dass Kristof wohl durch das "allumfassende und existenzielle Gefühl der Fremdheit", das spätestens mit der Flucht aus Ungarn einsetzte, zu ihrem grundlegenden Pessimismus kam. Schreiben, so stehe am Ende dieses Buches fest, sei ihre einzige Möglichkeit gewesen zu überleben, und zwar im exakten Wortsinn und nicht nur als Floskel, wie der doch recht angetane Rezensent beteuert. Wermutstropfen ist ihm jedoch ein gewisser, Kristofs Romanwerk sehr fremder Schuss "Pathos und Naivität", der stellenweise auftritt, etwa in der Hommage an Thomas Bernhard.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.08.2005

Sehr berührt zeigt sich Nicole Henneberg von dem Leben der Agota Kristof mit, die zu ihrem siebzigsten Geburtstag ihre Autobiografie vorlegt. Die ungarisch-schweizerische Autorin berichtet in elf Episoden aus ihrem Leben, von ihrer Kindheit im stalinistischen Ungarn, ihrer Flucht in die Schweiz, den Verlust ihrer Familie und Freunde und schließlich ihrem Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Im Zentrum steht dabei die Einsamkeit im Exil, mit der Kristof sich "heftig und rückhaltlos" auseinandersetzt. Diese Einsamkeit drückt sich besonders im Kampf um "den existenziellen Anker Sprache" aus, findet die Rezensentin und überlegt, wie Thomas Bernhard, von der Autorin verehrt, ihren Sprachwandel beschreiben würde: nämlich "naturgemäß". In all den düsteren und verzweifelten Berichten der Emigrantin erkennt Henneberg erleichtert noch einen "fein abgestuften, zwischen Sarkasmus und Komik changierenden Humor". Die Rezensentin ist beeindruckt, was nicht zuletzt an der von ihr gelobten klaren Übersetzung von Andrea Spingler liegt.
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