Karin Warter (Hg.), Alois Woldan (Hg.)

Zweiter Anlauf

Ukrainische Literatur heute
Cover: Zweiter Anlauf
Karl Stutz Verlag, Passau 2004
ISBN 9783888490941
Gebunden, 196 Seiten, 19,80 EUR

Klappentext

Mit einem Vorwort von Karin Warter und einem Nachwort von Alois Woldan. Aus dem Ukrainischen von Alois Woldan und Roman Dubasevych. Mit Beiträgen von Juri Andruchowytsch, Halyna Petrosanjak, Tymofi Hawryliw, Natalka Bilozerkiwez, Oksana Sabuschko, Serhi Schadan, Taras Prochasko und Mykola Rjabtschuk.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.08.2005

Diese Anthologie ist für Ulrich M. Schmid der Beweis, dass das gewachsene literarische Selbstbewusstsein der Ukraine absolut gerechtfertigt ist. Viel "frischer, frecher und auch unkonventioneller" als etwa die Lietratur aus Russland erscheinen ihm das "orangefarbene Schreiben". Von den versammelten Autoren hebt Schmid Juri Andruchowytsch hervor, der seinen eigenen Nachruhm schon mal in einem satirischen Gedicht verewigt, oder die Prosaskizzen von Mykola Rjabtschuk, der den antisemitischen Tendenzen im ukrainischen Nationalismus nachspürt. Gut gefallen haben ihm außerdem die bilderstürmerischen Gedichte der Philosophin Oksana Sabushko, die musikalische Lyrik der Dichterin Natalka Bilozerkiwez und die drastische Metaphorik von Serhi Shadan.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2005

Rezensent Wolfgang Schneider ist nach Durchsicht dieser Anthologie skeptisch, dass es der gegenwärtigen ukrainischen Literatur gelingen wird, die Karpaten westwärts zu überfliegen. Denn insgesamt handelt es sich aus seiner Sicht bei dieser Sammlung um eine eher unausgegorene Angelegenheit. Besonders unangenehm stößt dem Rezensenten ein Text von Mykola Rjabtschuk auf, der seiner Beschreibung zufolge mit großem Eifer das gespannte ukrainisch-jüdische Verhältnis thematisiert und dabei auch die SS-Division "Galizien" in Schutz nimmt. Nicht nur darin kommt er nach Ansicht des Rezensenten der Wortwahl ukrainischer Rechter sehr nahe. Aber auch die anderen Texte können ihn weder inhaltlich noch literarisch wirklich überzeugen. Zu epigonal, zu mühsam ironisch, zu viele pittoreske Stadtansichten, zu viel Verfallsromantik: Vorbehalte, die der Rezensent gegen die meisten Beiträge vorzutragen hat. Passabel findet er nur wenige Texte, darunter Gedichte von Oksana Sabuschko, die den Rezensenten mit ihrem "ebenso faszinierten wie distanzierten Blick auf ihre Herkunftswelt" sogar fast ein bisschen beeindrucken konnte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.01.2005

Für die ukrainischen Dichter lag schon seit langem "Vormärz in der Luft", meint Rezensentin Sonja Zekri und sieht dies in dem Lyrik-Band "Zweiter Anlauf" bestätigt. Die "lyrische Subversion" darin zu entdecken sei überhaupt nicht schwer, man müsse nicht mal zwischen den Zeilen lesen, "um zu ahnen, wie unendlich satt diese Menschen ihr Land hatten". Der Duft nach Sandelholz, den etwa der Dichter Serhi Schadan noch mit seiner Kindheit in Verbindung bringt, sei hier endgültig verflogen: "ein Land, bedeckt von Kot. / Ein Land, in dem wir leben müssen / Um seinen sauren Wein zu trinken (...) Und trotzdem / es allein zu lieben und nur es", zitiert sie den jungen Lyriker Timofi Hawryliw. Doch nicht nur um Hassliebe zur Heimat gehe es in dem Band, er sei zugleich eine Abrechnung mit der Generation, "die sich mit der Unfreiheit eingerichtet hatte". Abgesehen von den international bekannten Schriftstellern Oksana Sabuschko und Juri Andruchowytsch seien so ziemlich alle versammelten Autoren eine "Entdeckung". Auch wenn die Tatsache, dass nur ukrainische Werke in dem Band aufgenommen wurden, nicht gerade eine "einigende Vision" vermittelten, lobt die Rezensentin dies als "Verbeugung" vor der lange als "eine Art rückständiges Stummelrussisch" angesehenen Sprache und sieht über einige "Holprigkeiten" in der Übersetzung gerne hinweg.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.12.2004

Nur eines hat Olga Martynova an Karin Warters und Alois Woldans Auswahl von zeitgenössischer ukrainischer Literatur auszusetzen. Sie hätte sich ein wenig mehr "geo- und ethnografische Fakten" über dieses Land gewünscht, das für den deutschen Leser doch recht unbekannt sei. "Ansonsten kann man dieses Buch nur begrüßen", meint die Rezensentin. Als bekannteste der acht Autoren macht sie Oksana Sabuschko aus, die mit Gedichten vertreten ist, die "eine Vorstellung von der sprachlichen Intensität" dieser Autorin geben. Wie die Ukrainer sich als Opfer der Geschichte stilisieren, illustriere Mykola Rjabtschuk "vortrefflich", der mit einer Erzählung zum Thema des ukrainischen Antisemitismus vertreten ist. Erwähnenswert findet die Rezensentin auch die "wirklich interessante" Lyrikerin Halyna Petrosanjak, deren Gedichte die vorangestellte Werbung von Jurij Andruchowitsch gar nicht benötigen: "Sie sind einfach gut."