Jurij Mamlejew

Die irrlichternde Zeit

Roman
Cover: Die irrlichternde Zeit
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783518414835
Gebunden, 335 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Gabriele Leuplod. Auf Einladung eines alten Herrn namens Beslunnyj (dt. Mondlos), der ihm am "sitzenden" Gogol-Denkmal in Moskau begegnet, besucht Pawel Dalinin ein Fest bei unbekannten Leuten. Vieles kommt ihm sonderbar vor, ein irritierendes Gefühl des deja-vu verläßt ihn nicht: Pawel erleidet einen "Zeitbruch" - zurückgeschleudert in die Vergangenheit begegnet er seinen Eltern vor seiner Geburt, verliebt sich in die reizende Wera und vergewaltigt eine rundliche Dame, die einen Sohn zur Welt bringen wird, der älter ist als er selbst. Das Erwachen am nächsten Morgen ist schwer. Pawel braucht Zeit, zu begreifen, was mit ihm geschehen ist. Er sehnt sich nach Wera und nach seinem Sohn und will die Spur der beiden finden. Er sucht Rat bei Freunden, die ihn einer ganzen Phalanx von Eingeweihten zuführen, die ihm helfen sollen. Die Aufklärung seiner Geschichte wird zu einer Reise durch das "metaphysische Moskau" der neunziger Jahre.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.02.2004

Jurij Mamlejew will zurück in die Sechziger! So jedenfalls lautet Martin Krumbholz' abschätziger Befund über den neuesten Roman des Russen, der damals ein wilder Untergrund-Literat war und emigrieren musste, so konterrevolutionär erschienen dem Staat seine fantastisch-grotesken Bücher. Jetzt ist er wieder in der Heimat ansässig und hat einen weiteren "heißblütigen Plot" zusammengeschrieben, der allerdings nach Meinung des Rezensenten nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass der Roman "zwar emsig sprudelt wie Mineralwasser, aber leider Gottes auch so schmeckt". Es geht, informiert Krumbholz, um die bescheidenen Eskapaden eines gewissen Pawel, der das Gefühl hat, "die ganze Welt stürze ein wie teuflische Phantasie, es gebe nichts Gültiges, Reales, nur einen Wirbel von Negationen" (Mamlejew). Der Autor beweise dabei ein Händchen für knackige Metaphern und schön dröhnende Formulierung, aber hauptsächlich veranstalte er ein großes, recht überflüssiges "Palaver". Und die Sechziger sind lange her.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.12.2003

Jurij Mamlejew entwirft in diesem Roman, berichtet Yvonne Gebauer, "ein Portrait Russlands am Ende des zweiten Jahrtausends". Dies geschieht mittels einer Geschichte, in der Pawel Dalinin, "ein junger Mann unserer Zeit", zunächst in ein Zeitloch fällt, und dann dem dort Erlebten auf die Spur zu kommen versucht, auf einer Reise "mitten in Moskaus metaphysische Hysterie", auf der ihm, berichtet Gebauer, zahllose Theorien, Möglichkeiten, Wirklichkeiten und Vergeblichkeiten begegnen, inmitten dieser Aussichtslosigkeit aber immer wieder auch "Inseln, wunderbare Zeilen, Gedichtfetzen". Im wesentlichen besteht die restliche Besprechung der offenbar angetanen Rezensentin dann in der Wiedergabe zahlreicher weiterer Wendungen der Handlung, in deren Verlauf Pawel beispielsweise noch mit einem Zug ins Innere des Landes fährt, und seinen Sohn, "einen verwahrlosten Auftragskiller", findet. Am Ende, berichtet Gebauer, verwandelt sich alles in einen Wunschzustand, eine "Legende, mit Gläserklingen, mit Versen und Worten aus wunderbaren Büchern."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.10.2003

Zelda Thompson ist durch und durch befremdet von diesem Autor, der eine Fangemeinde um sich geschart hat, die ihn für einen postmodernen Wiedergänger echter Größen der russischen oder gar der Weltliteratur hält. In den Augen der Rezensentin ist er offenbar dagegen jemand, der brutale, fiese und todessehnsüchtige Geschichten ohne nennenswerten Erkenntnisgewinn schreibt und so kommentiert sie sein schriftstellerisches Schaffen lakonisch: "Auch sonst ist der Autor äußerst erfindungsreich, wenn es gilt, den Leser abzustoßen." Zu Thompsons Bedauern wird dieses Buch im Klappentext vom Verlag so unzutreffend beschrieben und beworben, dass der Leser ihrer Meinung nach völlig in die Irre geführt wird.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.10.2003

Juri Mamlejew sieht sich zwar selbst in der Tradition von Gogol und Dostojewski, eigentlich aber ist sein literarisches Universum einzigartig, erklärt Ilma Rakusa gleich zu Beginn, um den Leser auf eine Handlung voller "Absonderlichkeiten" vorzubereiten. Mamlejew lässt seinen Protagonisten in der öden Peripherie von Moskau umherirren, in Häuserruinen, Obdachlosenkellern und altmodischen Wohnungen, wo er auf "lauter Sonderlinge" trifft: okkultistische Gelehrte, "halb tote Penner, Jenseitsfanatiker und Serienkiller, Verrückte und solche, die es noch werden sollten". Schließlich wird der zeitreisende Held von einem ältlichen Auftragskiller, seinem eigenen Sohn, erschlagen. Mamlejew erzählt seine "befremdliche" und "anspielungsreiche" Geschichte mit "lakonischer Sachlichkeit", bemerkt die Rezensentin, das Ende voll "chiliastischem Messianismus" ist ihr aber schließlich doch zu heftig: "Vor solcher Ideologie könnte einem doch noch angst und bange werden."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.09.2003

Das Prädikat "echt russisch" bedeutet im Fall von Jurij Malejew: "mystisch, schwer mystisch", charakterisiert Gabriele Killert den 1931 geborenen Autor. Sein Kollege Jerofejew soll über Malejew gesagt haben, zitiert Killert, ihm hänge die mystische Seelensubstanz "wie ein Schnupftuch aus der Hosentasche". In den 50er und 60er Jahren galt der praktizierende "sexuelle Mystiker" als hochsubversiv, weil er mit einer Gruppe Gleichgesinnter den prüden Moralismus und Materialismus der Sowjetgesellschaft verspottete. Das gelang soweit, dass Mamlejew ins Exil gehen musste, informiert Killert. 1989 kehrte er zurück, und seither hat er sich zum Vertreter einer Ästhetik des Bösen hochstilisiert. Das Provokationspotenzial seines neuen Romans hält Killert dennoch für eher gering, was ihres Erachtens vor allem am übermäßigen Schwadronieren des Autors liegt. Mamlejew betreibe "satirische Mimikry", schreibt sie unwirsch. Mit dem zweifelhaften Erfolg, dass man den Autor kaum von seinen "überspannten Heilsaposteln", Geheimniskrämern und Bewusstseinsgurus unterscheiden könne. Böse schließt Killert, sie fühle sich keineswegs an Charms oder Gogol erinnert, sondern vielmehr an Hermann Hesse.
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