Judith Butler

Raster des Krieges

Warum wir nicht jedes Leid beklagen
Cover: Raster des Krieges
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010
ISBN 9783593391557
Gebunden, 180 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Reiner Ansen. Wenn wir lesen, dass in Afghanistan deutsche Soldaten sterben, sind wir betroffen. Das Schicksal gleichzeitig getöteter ziviler Dorfbewohner bekümmert uns deutlich weniger. Der Krieg, so erklärt Judith Butler diese unterschiedliche Wahrnehmung, dient uns als Deutungsrahmen, nach dem einige Leben mehr wert sind als andere. Zugleich ist der Krieg nur möglich, weil weitere Rahmen oder Raster ("frames") den bewaffneten Konflikt als notwendig erscheinen lassen. Anhand der Themen Folter, Fotografie, Einwanderungs- und Sexualpolitik, Rassismus und moderne Kriegsführung macht Butler deutlich, welche Rahmen unsere Wahrnehmung auf welche Weise beeinflussen. Insbesondere sucht sie all diejenigen einzubeziehen, deren Leben im derzeit vorherrschenden westlichen Rahmen gar nicht oder nur als zu vernachlässigendes Leben vorkommt und deren Tod in diesem Rahmen kaum betrauert werden kann. Sie betont, dass alles Leben "prekär" ist, angewiesen auf Unterstützung und Hilfe - das Leugnen dieses ungeschützten, gefährdeten Lebens ist der erste Schritt auf dem Weg in den Krieg.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.12.2010

Warum wir so ungern für Afghanistan sterben, erfährt Thomas Speckmann aus dieser Studie von Judith Butler. Butler hat sich einmal grundlegend mit dem Verhältnis westlicher Staaten zur eigenen und zur fremden Scholle befasst und festgestellt, dass bestimmte politische, soziale und theoretische "Rahmen" Affekte hervorbringen, die unsere Trauer steuern und uns einen Krieg billigen lassen oder nicht. Angesichts der vielen Auslandseinsätze nicht nur des US-Militärs findet Speckmann Butlers Überlegungen höchst angebracht. Dass sogar feministische Politik in den Dienst von Kriegen und der Einwanderungspolitik gestellt wird, wie Butler zeigt, überrascht den Rezensenten. Die Folgen einer universellen Anerkennung von Leid (universelle Grundrechte und Grundbedürfnisse) und die entsprechende Scheu davor, leuchten dem Rezensenten hingegen unmittelbar ein.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.05.2010

Mit Interesse hat sich Adam Soboczynski den Fragen dieses Buches zugewandt, um die Lektüre aber dann aber doch leicht enttäuscht zu beschließen. Denn so wichtig und fruchtbar er die (in fünf Kapiteln umkreisten) Fragen nach dem toten Winkel des westlichen, mediennormierten Blicks auch findet, samt der daran anschließenden Betrachtungen zum Missbrauch der "gendertheoretisch fundierten Emanzipation" zu Folter und Ausgrenzung, der Instrumentalisierung liberaler Sexualitätsvorstellungen oder den Auswirkungen des westlichen Diskurses auf "unsere ethische Reaktionsfähigkeit" - überzeugen kann Butler ihn nicht. Die Enttäuschung beginnt mit der längst konsensfähigen Heranziehung von nicht mehr ganz zeitgemäßen Argumenten der Kritischen Theorie, und endet mit Soboczynskis Feststellung, dass Judith Butler die toten Winkel ihrer eigenen Argumentation sorgsam verbirgt und in vielem vage, für seinen Geschmack zu wenig diskursanalytisch bleibt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.05.2010

Unsanfte Worte findet Rezensent Herfried Münkler für Judith Butlers Überlegungen zu Fragen der Trauer in Zeiten des Krieges. Als von Aporie zu Aporie wandernde Denkübung ohne Folgen bezeichnet er die Texte, die sich im Weiteren mit Guantanamo und Abu Ghraib und der Abtreibungsdebatte in den USA befassen. Weil Münkler Butlers Imperativ des Universalismus in puncto Trauer nicht nachvollziehen kann, hat er auch Schwierigkeiten mit der Sicht der Autorin auf die "biologisch-juridische Fixierung von Leben" nach dem Moment der Befruchtung. So hoch Butlers argumentatives Niveau Münkler auch vorkommt, so unhandlich erscheint ihm das Buch in weiten Teilen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.04.2010

In ihrem jüngsten Buch geht es Judith Butler um eine "Erneuerung der linken Kritik" an staatlicher Gewalt und ihre Perspektive ist maßgeblich von den Kriegen der jüngsten Zeit geprägt, in denen sich Amerika und seine Verbündeten engagieren, meint Christian Schlüter. Ohne explizit Stellung zu Butlers Ausführungen zu nehmen, scheint er der Autorin nicht nur in ihrer Charakterisierung der Voraussetzungen unserer Kultur als "machtförmig und gewaltsam", sondern auch ihrer Einschätzung des "Krieges als Denkverweigerung" zuzustimmen.