Joseph Vogl

Meteor

Versuch über das Schwebende
Cover: Meteor
C.H. Beck Verlag, München 2025
ISBN 9783406829246
Gebunden, 144 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Am Anfang war der Blick in den Himmel. "Meteor" bezeichnet altgriechisch ein weit gefächertes Gebiet schwebender Gegenstände, zu dem atmosphärische Erscheinungen wie Wolken und Wetter, aber auch die Bahnen und Bewegungen der Gestirne gehörten. Doch das Unfeste und Flüchtige begegnet nicht nur in der Wolkenkunde. Joseph Vogl erkundet in seinem Essay unterschiedliche Schauplätze - von der Literatur über die Philosophie bis zur Naturwissenschaft - des Schwebenden, Ephemeren und (wieder) Leichtwerdens, an denen das Gewicht der Welt schwindet und neue Möglichkeitsräume freigibt. Das Schwebende ist eine Herausforderung für unsere Wahrnehmungsprozesse, weil es sich im "nicht mehr und noch nicht" eingerichtet hat und damit gängigen Wissensformen, Begriffsbildungen und Ordnungsgedanken entzieht. Am Beispiel prominenter Texte - von Kafka und Musil, Goethe und Galilei, Italo Calvino und Jorge Luis Borges - geht Joseph Vogl den Verhältnissen von Schwere und Leichtigkeit nach, in denen sich unsere Erkenntnisprozesse mit Machtordnungen und die Weltverhältnisse mit Seelenverfassungen überkreuzen. Angesichts einer Gegenwart, die immer massiver von Gravitationskräften ökonomischer, ideologischer und militärischer Gewalten heimgesucht wird, ist Vogls Text, hervorgegangen aus seiner viel beachteten Berliner Abschiedsvorlesung, eine Hommage an das Leichtwerden und die Momente des Fluiden, in denen aus scheinbar versteinerten Weltlagen die Frische eines Anfangs hervorzubrechen vermag. bei Kafka und Musil, Goethe und Galilei, Calvino und Borges.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.04.2025

Ein ziemlich aufregendes Buch hat Joseph Vogl laut Rezensent Helmut Böttiger aus seiner Abschiedsvorlesung gemacht. Dessen Thema ist das Schweben, erklärt uns Böttiger, und es setzt mit Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" an, das Vogl als ein Werk beschreibt, in dem sich die Literatur der Tatsache stellt, dass sie im Zeitalter der modernen Wissenschaften nicht mehr den Anspruch erheben kann, allein zuständig zu sein für Erklärungsversuche diverser Geheimnisse. Musils Reaktion auf dieses Problem bestehe darin die Literatur zum Schweben zu bringen, fortan setzt sie sich ihre eigenen Regeln, liest der Kritiker. Auch Goethes Wolkenlehre und Kafka berücksichtigt Vogl, freut sich der Rezensent, der aber Ausführungen zur Romantik vermisst. Dass Vogl am Ende seiner Ausführungen weniger schwebend schreibt, sondern eher versucht, seine Argumentation begrifflich zu festigen, unter anderem mit Verweis auf den Semiotiker Charles Sanders Peirce, gefällt dem Rezensent nicht ganz so gut. Was nichts daran ändert, dass Vogl hier eine elegante Schrift vorlegt, die zeigt, welche weltbewegenden Kräfte in der Literatur stecken, schließt Böttiger.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.04.2025

Angeregt bespricht Rezensent Thomas Steinfeld dieses Buch, bei dem es sich um die Verschriftlichung der Abschiedsvorlesung des Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl handelt. Wobei die Textfassung, stellt Steinfeld klar, etwa dreimal so lang geraten ist wie der mündliche Vortrag - und sich dennoch nicht, wie man angesichts des Titels erwarten würde, zu einer umfassenden philosophischen Verteidigung des Irrationalismus aufschwingt. Das Schweben, dem Vogl auf der Spur ist, ist nämlich zuerst ein Schweben der Dinge, etwa der Wolken, wobei es gleichzeitig durchaus darum geht, die Eindeutigkeiten einer aristotelisch verfassten Wissenschaft hinter sich zu lassen und auch die Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften hinter sich zu lassen. Steinfelds ihrerseits eher schwebende als strikt durchargumentierte Rezension erwähnt außerdem die Lektüren literarischer Werke von Musil bis Italo Calvino, die in diesem Buch vorkommen, sowie die häufigen Ausflüge in die Geistesgeschichte der Antike, die Vogl unternimmt. Am Ende fragt der Rezensent sich, ob hier der Beginn für ein neues Forschungsprogramm vorliegen könnte und meint: nein, vermutlich nicht, aber ein paar neue Unterscheidungen lassen sich nach der Lektüre treffen.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 22.03.2025

Ah, jene "Losigkeit" des Schwebens erreicht ein Philosoph wohl erst, wenn er seine Abschiedsvorlesung hält! Rezensent Mladen Gladic ist jedenfalls ganz berückt davon, wie Vogl trotz allen Ballasts der abendländischen Geistesgeschichte, der hier en passant erwähnt wird, in jenen Zustand gerät, und ihn benennt, den sonst nur Wolken kennen. Vogl ist auf jeden Fall ein Mann der Zwischenzustände, so Gladic, denn auch schon seine Antrittsvorlesung an der Humboldt-Uni aus dem Jahr 2006 handelte von einem solchen, dem Zustand zwischen Handeln und Verharren, dem "Zaudern". Gladic versichert: Auch beim Abschied gibt's viel zu denken.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.02.2025

Rezensent Guido Kalberer kann viel anfangen mit Joseph Vogls Gedanken übers Schweben. Der Literaturwissenschaftler denkt in seiner hier nun verschriftlichten Abschiedsvorlesung über Phänomene nach, die im Bereich des Nichtgreifbaren, lediglich Möglichen verbleiben, fasst Kalberer zusammen. Zu diesem Zweck unternimmt der Autor einerseits einen Streifzug durch die Literaturgeschichte - unter anderen kommen Goethe und Musils "Mann ohne Eigenschaften vor -, andererseits interessiert er sich auch für philosophische und wissenschaftsgeschichtliche Aspekte des Themas, so der Kritiker. Ohne vom Rationalismus Abschied zu nehmen, frage Vogl danach, ob Aufklärung nicht auch von der Entgrenzung ausgehen könne, die keine genaue Bestimmung mehr zulässt - wie Nebel oder Wolken, die nie einen endgültigen Zustand erreichen. Die Abwesenheit von Sicherheiten führe laut Vogl vor allem zu einer Emphase der eigenen Existenz. Aufregend, findet der Rezensent diese Gedanken.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.02.2025

Joseph Vogls Gedanken übers Leichte sind dem grundsätzlich von der Lektüre angetanen Rezensent Joseph Hanimann gelegentlich ein bisschen allzu schwerelos geraten. Vogl bewegt sich hier eher freihändig assoziierend als streng analytisch durch Theorie, Literatur und Wissenschaftsgeschichte, um das nicht Fassbare fassbar zu machen - schwebenden, diffusen Entitäten ist er auf der Spur, unter anderem in Musils "Mann ohne Eigenschaften". Letzteres Beispiel leuchtet Hanimann ein, wie ihm überhaupt die elegante Art und Weise imponiert, mit der Vogl seine vielfältigen Fundstücke ausbreitet. Manche Passagen sind dem Rezensenten zufolge jedoch etwas arg beliebig geraten, und wenn Vogl gegen Ende seine Überlegungen zu einer Erkenntnistheorie ausbaut, die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge und Steuerungsideen komplett im Wirbel zerstäubender Gesetzmäßigkeiten aufgehen lässt, ist Hanimann nicht mehr ganz an Bord. Wie sich eine solche Emphase des Fluiden mit dem politischen und existenzphilosophischen Programm vertrage, das Vogl vorzuschweben scheine, bleibe unklar.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.02.2025

Eine Chance für das Trainieren des "eigenen Möglichkeitsmuskels" sieht Peter Neumann im neuen Buch des Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl. Der Autor macht sich auf einen "Streifzug durch die Geistesgeschichte", um eine "Poetologie des Schwebens" zu entwerfen. Das Schwebende oder "die Losigkeit", wie Vogl es Neumann zufolge nennt, ist etwas "Ereignishaftes", etwas, dass der kantschen Trennung zwischen Geist und Körper vorausgeht und außerhalb der festen Strukturen der alltäglichen Realität liegt. Gerade hier, so Neumann, entsteht für Vogl das Potential für neue Impulse. Vogl interessiert sich auf seiner Suche nach dem Flüchtigen für die Wolkenstudien eines Johann Wolfgang Goethe, auch Musil und Kafka spielen ein Rolle in diesem Buch, das für den Kritiker mitnichten eine theoretische Konstruktion darstellt, die mit der Gegenwart nichts zu tun hat. Im Gegenteil schließe Vogl nahtlos an seine Kritik am Finanzkapitalismus an, die er in seinen vorangehenden Büchern thematisierte. Gleichzeitig kritisiere er die Festgefahrenheit einer Gesellschaft, die sich nur noch in ausgetretenen Pfaden bewege und das Unklare und Uneindeutige nicht aushalten könne, in dem doch gerade das Potential für Neues liege - nicht nur klug findet Neumann das, sondern dazu noch "leichtfüßig" geschrieben.

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