John Keegan

Der Erste Weltkrieg

Eine europäische Tragödie
Kindler Verlag, München 2000
ISBN 9783463403908
Gebunden, 512 Seiten, 34,77 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Karl und Heidi Nicolai. "Ich wuchs auf unter Männern, die im Ersten Weltkrieg gekämpft und unter Frauen, die zu Hause auf eine Nachricht von ihnen gewartet hatten." So beginnt John Keegans Buch über den "Großen Krieg", der das Gesicht Europas so entscheidend verändern sollte. Er fegte die Monarchie hinweg, aber er ließ auch die Drachensaat des Totalitarismus aufgehen. Er markierte den Abschied von der alten "Kriegskultur" und war zugleich Geburtsstunde der Moderne. Keegan zeichnet die militärische Geschichte des Krieges nach, die Schlachten an der Somme, bei Verdun oder Tannenberg. Er erzählt von dem Kampfesmut der Amerikaner, dem Zerfall der russischen Armee, von der eisernen Disziplin der Briten, der Meuterei der französischen Soldaten, die ihr Vaterland verteidigen, sich aber nicht für eine Offensive gegen den Feind opfern wollten; vom Fortschritt der Kriegstechnologie durch Flottenbau, U-Boot-Einsätze, Panzerproduktion; vom Labyrinth der Schützengräben und der Brüderlichkeit zwischen völlig Fremden, die Kriegsgegner waren.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 12.03.2001

Da hat sich ja einer mal deutlich getraut, einem der namhaftesten Militärhistoriker so richtig an den Karren zu fahren. Anstatt eine Lobesrede auf John Keegans Mammutanalyse über den Ersten Weltkrieg zu halten lässt Wolfgang Kruse daran kaum ein gutes Haar. Abgesehen davon, dass Keegan - ganz im Sinne seines Metiers - eine sehr intensive und international ausgerichtete Militärgeschichte dieses Krieges verfasst hat, hat das Buch nach Meinung des Rezensenten nichts zu bieten. Allenfalls Denkwürdiges, das mit Vorsicht zu genießen sei. So Keegans pathetische Art, den Soldaten und Generälen des Ersten Weltkrieges postum eine Ehrenrettung zuteil werden zu lassen. Oder sein Hang, "die gute alte Zeit" vor 1914 zu idealisieren. Oder Keegans "Geschichtsklitterung", indem er die Schuld am ersten Weltkrieg vor allem Russland und Österreich zuschreibt. Und vor allem, hier ist der Rezensent richtig erbost, Keegans Darstellung der Novemberrevolution, die Kruse schlicht für "niveaulos" hält. Ohne jegliches Problembewusstein lasse der Autor die Dolchstoßlegende wiederaufleben: Der "Mob" um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hätte die Kampfkraft der deutschen Soldaten geschwächt und so die Niederlage zu verantworten. Das findet Kruse nicht nur konservativ und einseitig, es zeigt auch, so der Rezensent, dass Keegan keine Kenntnis mehr vom aktuellen Forschungsstand hat. Und für Keegans abschließende "Eloge auf den Freikorps" fehlen dem Rezensenten einfach nur noch die Worte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.12.2000

Etwas durchwachsen ist die Bilanz, die Werner Bührer nach der Lektüre von John Keegans historischem Abriss über den Ersten Weltkrieg zieht. Einerseits schätzt er die Detailgenauigkeit des Militärhistorikers und den Umstand, dass er auch "die Motivationen der `kleineren` Kriegsparteien" in seine Untersuchung mit einbezieht. Andererseits stört ihn, dass der Autor sich hauptsächlich auf das eigentliche Krieggeschehen konzentriert, und viele Rahmenfaktoren, die zu einer zeitgemäßen Geschichtsschreibung gehören, außen vor lässt. So "mutet die Darstellung doch etwas konventionell an", was denn Erkenntnisgehalt des Buches etwas schmälert. Auch inhaltlich stimmt Bührer in einigen Punkten nicht mit Keegan überein. Bei der Bewertung des deutschen "mystischen Patriotismus" als Gegenmodell zum "nüchteren `Regimentspatriotismus`" der Briten kritisiert er etwa, dass Keegan neue Forschungsergebnisse zur Mentalitätgeschichte ignoriert hat.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.10.2000

Kein leichtes Unterfangen, dass sich Thomas Karlauf vorgenommen hat: Ein deutsches Publikum für ein Buch über den Ersten Weltkriegs zu begeistern. Dazu auch noch für eines über die Militärgeschichte, in dem nicht einmal die Schuldfrage behandelt wird! Doch je mehr Karlauf Keegans Krupp-Kanonen, Mobilmachungsphasen, Stellungsstrategien und Dardanellen-Offensive folgt, desto spannender wird auch die Rezension und desto weiter öffnet sich einem der Blick für das Verhängnis fehlender Politik, was Karlauf sehr gut darstellt. Sein Fazit: `Das Panorama der Sinnlosigkeit, das Keegan aus vielen hundert Seiten entfaltet, gehört zum Erschütterndsten, was je über diesen Krieg geschrieben wurde.`

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2000

In Frankreich und Großbritannien heißt noch heute der erste Weltkrieg der “Große”: Die Menschenverluste ihrer Armeen waren größer, ihre Beteiligung länger als im zweiten Weltkrieg. Der führende Militärhistoriker John Keegan hat darüber ein neues opus magnum geschrieben und Wolfgang Sofsky flicht in seine deskriptive critica magna geschickt die Punkte ein, in denen er Keegans Eigenständigkeit gegenüber anderen Darstellungen sieht: Dass der Krieg nicht mehr abgewendet wurde, lag am “fehlenden Krisenmanagement” und “wechselseitigen Zugzwängen”. Materielle Überlegenheit habe einen geringere Rolle gespielt als Informationsvorsprünge, die Generäle hätten selbst nicht mehr durchgeblickt und die Loyalität der Soldaten sei nicht nur ihrer Naivität, sondern einer “Illusion der Unsterblichkeit” geschuldet gewesen. En passant gibt Sofsky zu erkennen, dass er bei Keegan jeglichen Bezug zur mittlerweile vielfältigen Kultur- und Sozialgeschichte des Krieges vermisst. Aber Keegan ist “zu Recht der Meister … des Genres” Militärgeschichte.