Johannes Gelich

Der afrikanische Freund

Roman
Cover: Der afrikanische Freund
Wallstein Verlag, Göttingen 2008
ISBN 9783835303560
Gebunden, 176 Seiten, 16,00 EUR

Klappentext

Eher unfreiwillig ist der namenlose Ich-Erzähler in seine Geburtsstadt gekommen: Er muss sich um die Beerdigung seines Vaters kümmern. Große Gefühle stellen sich nicht ein; er ist ein Fremder in dieser Stadt. Da trifft er zufällig Max, einen alten Schulkameraden, der ihn auf seine Burg einlädt, wo er mit Freunden das alljährliche "Weekend" vor Beginn der Festspiele veranstaltet. Es gibt keinen Grund, das abzulehnen. Und so nimmt das unheimliche Treiben im Kellergewölbe der Burg seinen Lauf: Alkohol fließt in Strömen, Prostituierte werden bestellt, Hugo, ein Starkoch aus Reykjavik, serviert obszöne mittelalterliche Speisen, ein großes Fressen hebt an.
Plötzlich läutet ein Mann an der Tür, den die Gruppe wegen seiner Hautfarbe sofort für einen Drogendealer hält und den man übermütig zum Essen einlädt. Als sich der Fremde als Bibelverkäufer entpuppt, eskaliert die Situation und der betrunkene Burgherr wird hemmungslos aggressiv. Niemand hilft, auch nicht, als längst unabweisbar klar ist, dass das zwingend notwendig wäre. Nach und nach verwandelt sich die Burg in ein grauenhaftes Gefängnis, aus dem es für alle Beteiligten kein Entrinnen zu geben scheint.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.10.2008

Alex Rühle ist schlichtweg begeistert. Wer hätte gedacht, dass sich auf Albert Camus' "Der Fremde" eine so "funkelnde" Parodie reimen ließe? Noch die ambitioniertesten literarischen Auseinandersetzungen mit kanonischen Texten hat Rühle schon in "proseminaristischem Getändel" enden sehen. Ganz anders hier. Johannes Gelichs Roman erscheint dem Rezensenten von eigener Logik beseelt und vital genug, der Vorlage nicht wie ein Blutsauger zu Leibe rücken zu müssen. Dem Thema menschlicher Indifferenz angesichts von Gewalt gewinnt der Text in den Augen des Rezensenten eigene Seiten ab, indem der Autor die Handlung in die "tote Ekelwelt Houellebecqs" verlegt und die von Camus als Fluchtpunkt der inkommensurablen Gleichgültigkeit seiner Figur inszenierte "lyrische Sehnsucht" ausspart. Soviel Eigenständigkeit bei einer zugleich bis ins Zitat ganzer Sätze reichenden Nähe zum "Fremden" versetzt Rühle in freudiges Erstaunen. 
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.10.2008

Oliver Pfohlmann ergötzt sich an der geglückten Mischung aus "ästhetischem Raffinement und herrlich bösem Humor" die den dritten Roman des Österreichers Johannes Gelich auszeichnen und den der Rezensent für rundum gelungen hält. Unverkennbar ist die literarische Vorlage, Camus' "Der Fremde", die der Autor ins Parodistische gewendet auf eine oberösterreichische Burg nahe Salzburg verlegt hat. Mitten in das ausufernde Gelage dreier Freunde platzt ein farbiger Bibelverkäufer und wird im Rausch vom Burgherren bewusstlos geschlagen. Im weiteren Verlauf versucht man, unter Aufbietung allerhand erfolgloser wie widersprüchlicher Aktionen, sich des noch lebenden Fremden zu entledigen, bis der namenlose Erzähler schließlich zur Waffe greift. Geradezu perfide und nicht "ohne höhere Ironie" ist die Gleichgültigkeit des Ich-Erzählers, die stellvertretend auch zu der des Lesers wird, der nach dem Fortgang der Geschichte giert und ungewollt zum Komplizen des "boshaften Spiels mit der ästhetischen Lust an Gewalt wird", so der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.09.2008

Dieser Roman von Johannes Gelich erinnert den Rezensenten Franz Haas an ein wissenschaftliches Experiment. Er entdeckt darin ein durchaus fesselndes "Sittenbild" der österreichischen Gesellschaft, aber manchmal kommt ihm "Der afrikanische Freund" einfach zu symbolträchtig daher. Ein Ich-Erzähler wird von einem ehemaligen Mitschüler, einem reichen Spekulanten, nebst zwei weiteren Bekannten aus Schülertagen auf dessen "Burg" geladen, wo sie sich einem mehrtägigen "Sauf- und Fressgelage" in Gesellschaft von vier Prostituierten hingeben, fasst Haas zusammen. Als ein schwarzer Bibelverkäufer unversehens in die Festgesellschaft gerät, eskaliert die Situation, so der Rezensent, der die Anspielung auf eine Reihe Film- und Roman-Klassiker - von Bunuels "Würgeengel" bis zu Camus' "Der Fremde" - durchaus bemerkt. Das hat zwar Hintersinn, so Haas, mitunter aber ist für seinen Geschmack das Ganze einfach zu bedeutungsschwanger und symbolisch. Als "existentialistisches Welttheater", das mit dem Tod des Bibelverkäufers auch noch ins Tragische rutscht, hat Haas der Roman nicht recht überzeugt, als Porträt "ganz normal perverser Biedermänner" dagegen findet er ihn durchaus gelungen.
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