Ralf Bönt

Berliner Stille

Erzählungen
Cover: Berliner Stille
Wallstein Verlag, Göttingen 2006
ISBN 9783835300309
Gebunden, 160 Seiten, 16,00 EUR

Klappentext

Die Protagonisten in den Erzählungen von Ralf Bönt sind viel unterwegs, in Moskau, Haifa, New York, Rom, in Schwabinger Kneipen wie dem "Türkenhof", und immer wieder in Berlin. Dorthin floh man früher vor der westdeutschen Wehrpflicht, dort sucht heute jeder sein Leben. Tatsächlich sind seine Helden hellwache und "gut durchblutete Geschöpfe, Handelnde, die sich und der Welt etwas abverlangen, nicht nur zu Silvester", so der Autor. Wenngleich: In die wirklich wichtigen Fragen von Liebe und Weggehen und Bleiben spielen ja stets die Träume und Entschlüsse des Gegenübers hinein, die den eigenen Absichten nicht selten zuwiderlaufen. So ergeben sich fortwährend Überraschungen und Herausforderungen, beispielsweise wenn die sechsjährige Tochter, zu Besuch bei ihrem Vater und dessen neuer Gefährtin, den Krieg aus dem Fernsehen ganz arglos mit dem Verhältnis von Mama und Papa in Verbindung bringt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.06.2006

Moderat begeistert äußert sich Rezensentin Kristina Maidt-Zinke zu den Erzählungen, aber mehr noch zu Ralf Bönts noch nicht ganz ausgeschöpftem Potential. Zunächst einmal erkennt sie eine kongeniale Entsprechung von Inhalt und Form, da Bönts Helden kaum weniger ziellos meist in fernen Ländern herumstreiften wie das Erzählen selbst. Solches pointenlose Vagabundieren der Prosa entwickle einen bemerkenswerten "luftig-leichten" Ton, der aber laut Rezensent immer die Gefahr der Beliebigkeit birgt. Als veritable Antihelden skizziert die Rezensentin Bönts meist männliche Protagonisten, die eine spezifische Kunst des "passiven Widerstands" kultiviert hätten, dank der sie Situationen wie beispielsweise einen Wehrdienstverweigerer-Prozess oder den unsittlichen Annährungen eines Mönchs fatalistisch ausgeliefert seien. Jenseits aller Gratwanderungen von Figuren und Erzählweise konstatiert die Rezensentin, dass Ralf Bönt in jedem Fall einen ganz eigenen großstädtischen Tonfall sein eigen nennen könne, "unprätentiös" und "spröde".
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.06.2006

Ralf Bönts Erzählungen sind "unbedingt lesenswert", und dass, obwohl sie nichts Aufregendes haben, findet Rezensentin Anne Kraume. Sie berichtet denn auch zunächst von ihrer anfänglichen Verstörung: Kaum nachzuvollziehen sind die Beweggründe, die Bönts reisende Figuren zum Aufbruch treiben, sie scheinen eher getrieben als frei. Zur Lakonie der Erzählung geselle sich das Unspektakuläre ihrer Erlebnisse. Und auch die Erkenntnisse, die ihnen zuteil würden, seien alltäglich, ja fast schon banal. Und doch, beteuert die Rezensentin, birgt jede einzelne Erzählung "in ihrer scheinbaren Alltäglichkeit" eine ungeahnte Vielschichtigkeit und Komplexität, die erst im Lichte aller neun Erzählungen und bei mehrmaligem Lesen zutage trete. Erst allmählich, so das angetane Fazit der Rezensentin, wird klar, dass sich in allen Erzählungen kurze Momente finden, "in denen alles still steht", Momente der Erkenntnis, der Wende, die nicht sofort als solche erkannt werden.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.03.2006

"Schöne Passagen" finde man in den neun Erzählungen, lobt Rezensent Martin Krumbholz, und gleichzeitig vermeide Ralf Bönt "konsequent die Pointe". Krumbholz sieht in den stets reisenden Helden Bönts "Globetrotter" auf der vergeblichen Suche nach sich selbst. Zudem trügen sie mit ihrem Handicap, keine "Kommunikationsgenies" zu sein, auch ihre Isolation immer bei sich. Keine Erlösung nirgends. Trotz "vieler" Begegnungen in "kurzen" Geschichten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2006

Andrea Neuhaus ist von diesem Band mit neun Erzählungen sehr angetan, wobei sie diejenigen, die sich hier "deutsche Metropolitanliteratur" versprechen, vorwarnt. Denn die Erzählungen, die von Protagonisten handeln, die sich in einer "fortdauernden Übergangszeit" dem Erwachsenwerden verweigern, sind zumeist auf Reisen in der Ferne, erklärt die Rezensentin. Zudem bilden die Geschichten über "Sinnsuche und Lebensflucht" sehr präzise "das Provinzielle" ab, wobei es hier laut Neuhaus maßgeblich um die "Provinzialität der Seelen" geht, der man durch keine Reise in eine noch so pulsierende Metropole entgehen kann. Die "kleinen und feinen Beobachtungen" sind die "Stärke" des Autors, lobt die Rezensentin, die schwärmt, dass sich hinter den kargen, melancholisch vorgetragenen Andeutungen "weite Räume" für die Leser auftun.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.03.2006

Ein bisschen Geduld ist schon nötig, wenn man in den vollen Genuss kommen will, der in Ralf Bönts aktuellem Erzählband verborgen liegt. Rezensent Sascha Michel jedenfalls war anfangs nicht von Bönts Werk überzeugt, weil es so gar nichts von einem "Paukenschlag" an sich hat und die Erzählungen zudem noch in "irritierend unspektakulären Schlüssen" gipfeln. Und doch: Nach genauerer Lektüre entdeckte der Rezensent "wiederkehrende Motive", wie Trennungs- und Verlusterfahrungen. Einige Elemente erinnerten ihn gar an Camus' Pest und Shakespeares Macbeth. Gemeinsam sei allen Erzählungen die "abgetrotzte Bejahung des Lebens" allen Sinnlosigkeiten zum Trotz. So etwa im Stück "Das weiße Herz", das zum Favoriten des Kritikers avanciert ist. Die Geschichte spielt in einer Silvesternacht, ein junges Paar sitzt zusammen, doch der Mann vergiftet jede Feierlaune mit Zynismus, was seine Partnerin aber nicht verschrecken kann. Eine "vielschichtige Perspektive" auf die Protagonisten habe Bönt entwickelt, meint der Kritiker. Das "unaufgeregte, lakonische Erzählen" störte ihn plötzlich gar nicht mehr, lehre die Prosa Bönts einen doch "die Freude an der Normalität". Unbedingt weiterlesen!
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