Jean Amery

Jean Amery: Werke, Band 2

Jenseits von Schuld und Sühne. Unmeisterliche Wanderjahre. Örtlichkeiten

Klappentext

Werkausgabe in 9 Bänden, herausgegeben von Irene Heidelberger-Leonard. Band 2 herausgegeben von Hans Höller. Der 2. Band enthält "Jenseits von Schuld und Sühne", mit dem der Autor 1966 schlagartig berühmt wurde. Im Anhang zu dieser Neuausgabe sind frühe, in Auschwitz-Monowitz begonnene Aufzeichnungen abgedruckt - Urtexte zu Amerys Denken über Tortur, Auschwitz und die "Psychologie des deutschen Volkes". Weiterhin enthalten sind die Sammlungen "Unmeisterliche Wanderjahre" und "Örtlichkeiten".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.07.2004

Die Artikel-Sammlung "Jenseits von Schuld und Sühne" machte den sich bis dahin mit journalistischer Vielschreiberei über Wasser haltenden Jean Amery auf einen Schlag berühmt und zu einer der prominentesten Stimmen unter den Überlebenden von Auschwitz. Die Schilderung der Folter im gleichnamigen Essay ist wohl der bis heute berühmteste Text des Autors. Und heute noch, stellt Karl-Markus Gauß fest, lesen sich die fünf Traktate, die sich zur "Phänomenologie der Opfer-Existenz" fügen, "wie gemeißelt". Als ketzerisch bis heute erweise sich der Essay "Ressentiments", der vom Unwillen und Unvermögen des Autors berichtet, den Widerwillen gegen das Deutschland, in dem er lebte, aufzugeben. In diesem zweiten Band der Werkausgabe wird die berühmte Sammlung durch den Text "Unmeisterliche Wanderjahre" - eine "Autobiografie als Autokritik" - und die Nachlasstexte "Örtlichkeiten" ergänzt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.01.2004

Rezensent Wilfried F. Schoeller begrüßt das von Jan Philipp Reemtsma unterstützte und Irene Heidelberger-Leonard betreute "Wagnis" des Klett-Cotta Verlags, das Gesamtwerk Jean Amerys herauszugeben. Wie "vielleicht nur noch der Schweizer Francois Bondy habe Amery das Bild des universalistischen Intellektuellen in Deutschland geprägt. Bereits im vorliegenden Eröffnungsband der Edition sieht der Rezensent zwei Meisterschriften versammelt: der als "Selbstgespräch" bezeichnete Text "Schuld und Sühne" beleuchtet die Bedingungen des Intellektuellen im Lager, beobachtet die Erfahrung der Tortur und stellt bohrende Fragen über die Konditionen des Lebens, lesen wir. Noch eindrucksvoller findet Schoeller den Essay "Bewältigungsversuch eines Überwältigten", in dem er die in der Tortur erlebten Grenzen des Körpers als Grenzen der Welt beschrieben sieht. Als Entwurf einer Zeitbiografie fügen sich für den Rezensenten auch die sechs ineinandergreifenden autobiografischen Essays ins beeindruckende Bild, die unter dem Titel "Unmeisterliche Wanderjahre" zusammengefasst sind. In der Trias dieses "Premierenbandes" der Amery-Edition bilden für den Rezensenten die unter dem Titel "Örtlichkeiten" versammelten autobiografischen Skizzen die "schwächste Einheit". Insgesamt jedoch ist der Rezensent überwältigt von Amerys "Urvertrauen" in die Sprache, seiner "hoch instrumentierten Rhetorik", dem "graziösen Stil" und der Authentizität dieses wilden Elegants und seiner Paradoxien.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.10.2002

Mit drei Büchern des jüdischen Intellektuellen Jean Amery, der sich 1978 das Leben genommen hatte, startet der Verlag Klett-Cotta eine Werkausgabe, berichtet Michael Rutschky. "Jenseits von Schuld und Sühne" hatte 1966 Amerys Ruf als eleganter Schreiber, der seine Schriften philosophisch zu durchdringen wusste, begründet, weiß der Rezensent. Denn bis dahin war Amery "nur" ein "fleißiger, wohlinformierter" und "gedankenreicher" Feuilletonist gewesen, der, als KZ-Überlebender, mit einigem "Befremden" den Aufstieg der Bundesrepublik beobachtet hatte. Der zweite Band der Werkausgabe enthält außerdem, informiert der Rezensent, die nicht "unkomische" Schrift "Unmeisterliche Wanderjahre" über Amerys Kontakt zu den Wiener Neopositivisten aus dem Jahr 1971 und die posthum veröffentlichte Schrift "Örtlichkeiten". Hat man diese drei Werke so hintereinander gelesen, so stellt sich beim Leser unweigerlich der Eindruck ein, dass der Autor ein "rätselhafter Mann" gewesen ist, meint Rutschky. Den Selbstmord dieses "distanzierten Fremdlings" findet der Rezensent denn auch konsequent. Eine tiefgehende Deutung dieses Endes hätte sich Amery, ist Rutschky überzeugt, sowieso "verbeten".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2002

Willi Winkler widmet sich in seiner Rezension dieses Bandes vor allem mit großer Sympathie der Person Jean Amery und seinem Wirken in Deutschland nach dem Krieg. Das schwere Schicksal des Schriftstellers, der im KZ Bergen-Belsen war und dennoch mit einer "nicht mehr begreiflichen Sentimentalität" an Österreich und der deutschsprachigen Kunst hing, wie der Rezensent formuliert, hat auch sein Werk maßgeblich geprägt. Zu dieser ersten Lieferung der Werkausgabe schreibt Winkler nur soviel, dass der Verlag sich mit diesem Unternehmen Verdienste erwirbt, weil sich die Ausgabe finanziell kaum tragen werde. Denn wer, fragt Winkler, könnte das "Pathos" des Autors heute noch ertragen, der seine Zuhörer als 'Mitmenschen' ansprach und sie dennoch nie vergessen ließ, dass er im KZ gelitten hatte. Winkler selbst, dass lässt sich aus der Rezension schließen, hat vermutlich so ziemlich alles von Amery gelesen.
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