Javier Cercas

Anatomie eines Augenblicks

Die Nacht, in der Spaniens Demokratie gerettet wurde
Cover: Anatomie eines Augenblicks
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
ISBN 9783100113696
Gebunden, 569 Seiten, 24,95 EUR

Klappentext

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. In "Anatomie eines Augenblicks" schildert Javier Cercas den entscheidenden Augenblick am 23. Februar 1981, als das Schicksal der noch jungen Demokratie Spaniens auf der Kippe stand: Das Parlament war umstellt, die Putschisten in den Startlöchern, aber der damalige Präsident und der junge König blieben unerschütterlich. Mit dem Gespür für Spannung und dem Auge des Romanautors schuf Javier Cercas das bewegte Standbild einer dramatischen Episode, die Spaniens Geschichte hätte auf den Kopf stellen können. "Wir werden ... zu Zeugen einer grandiosen Tat des Widerstands gegen die sich ständig wiederholende Infamie der Geschichte", schrieb Alberto Manguel.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.03.2011

Fast großartig findet Rezensentin Louisa Reichstetter dieses Werk des spanischen Schriftstellers, das erst ein Roman werden sollte, dann aber doch in eine 600-seitige historische Erzählung mündete, eine Erzählung über den Putschversuch vom 23. Februar 1981. Nur drei Personen stellten sich den Militärs, die mit Maschinenpistolen im Parlament herumballerten, entgegen: der scheidende Ministerpräsident Adolfo Suarez, Gustavo Mellado und Santiago Carillo. Alle drei waren in ihrer Vergangenheit Antidemokraten - die beiden ersten Franquisten, der dritte Kommunist -, doch mit dieser "mutigen und anmutigen Geste" verteidigten sie die spanische Demokratie. Wie Reichstetter erklärt, hält Cercas diesen Moment für das wahre Ende des Franquismus, denn die politischen Eliten (und natürlich vor allem auch König Juan Carlos) zeigten, dass sie mit ihm abgeschlossen hatten. Reichstetter sieht diesen Moment ganz hervorragend herausgearbeitet und mit den politischen Biografien der Hauptakteure, aber auch des Autors verbunden. Und wenn Cercas hin und wieder seine Quellen angegeben hätte, würde sie das Buch auch gänzlich "grandios" nennen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.02.2011

Rezensentin Franziska Augstein hat Javier Cercas Buch über den Putsch, der am 23. Februar 1981 Spaniens Demokratie bedrohte, sehr positiv aufgenommen. Dass sich der Schriftsteller Cercas entschieden hat, ein Sachbuch und keinen Roman über dieses Ereignis zu schreiben, kann sie nur begrüßen, zumal die Darstellung der Geschichte dieses Putsches in ihren Augen schlicht exzellent ist. Wie es zu dem Putsch kam, wer welche Rolle inne hatte, was sich wo abspielte: all das findet Augstein bei Cercas akribisch und detailgenau erzählt. Allenfalls dass der Autor die Rolle des jungen König Juan Carlos nicht hinreichend würdigt, könnte für sie ein Kritikpunkt sein. Andererseits lobt sie das Werk als die "beste Darstellung" des Putsches, die es auf Deutsch zu lesen gibt, auch dank der hervorragenden Übersetzung von Peter Kultzen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.02.2011

Den Spaniern seiner Generation erweist der Autor mit diesem Buch einen beachtlichen Dienst, meint Jeannette Villachica. Vor allem die in Javier Cercas dokumentarischen Essay über den Putschversuch im spanischen Parlament am 23. Februar 1981 eingegangenen Zweifel und die Verwirrung des Autors über die damaligen Geschehnisse in seinem Land, über die Elterngeneration und über Franco, hält die Rezensentin für berührend und durchaus erkenntnisfördernd. Dafür gräbt sie sich durch einen ausufernden, stellenweise trockenen monologischen Text, der auf Basis von Recherchen und eigenen Mutmaßungen des Autors die Vorgeschichte und den Verlauf des Putschversuches erzählt. Die Forschung zum Gegenstand voranzutreiben, schreibt sie, sei dem Autor offenbar kein Anliegen gewesen. Die Bedeutung des Bandes sieht Villachica im persönlichen Ansatz, in der individuellen Aufarbeitung eines historischen Moments.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 23.02.2011

Glück für den Leser, Glück für Andreas Fanizadeh, dass Javier Cercas mit seinem Romanprojekt scheiterte und für sein Thema, der Staatsstreich im spanischen Parlament vom 23. Februar 1981, eine andere Form gefunden hat. Fanizadeh verortet sie irgendwo zwischen journalistischer und historischer Recherche und einer freien Erzählweise. Eingebunden sind laut Rezensent vor allem die Biografien und Verhaltensweisen dreier Akteuer von damals: Adolfo Suarez, Manuel Gutierrez Mellado und Santiago Carrillo. Cercas überhöhe sie zu Symbolen der Verteidigung der jungen spanischen Demokratie, obgleich sie selbst Francos Regime oder der stalinistischen Linken angehört hatten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2011

Ein Meisterwerk, nicht weniger, hat der Rezensent Paul Ingendaay hier gelesen. Aber ist es ein Meisterwerk der Roman- oder der Geschichtskunst? Beides nicht, von beidem etwas, genauer gesagt: Erst in der genauen Konturierung des einen zum anderen gelinge in diesem Buch etwas Erstaunliches. Erzählt wird von einem einschneidenden Ereignis der jüngeren spanischen Geschichte: dem Putschversuch des Militärs im Jahr 1981. Im Parlament zieht der Oberstleutnant Antonio Tejero die Waffe und nimmt die Abgeordneten in Geiselhaft. Drei Männer, keiner von ihnen seiner Lebensgeschichte nach ein lupenreiner Demokrat, widerstehen ihm. Diese Geschichte, und die Biografien dieser Protagonisten, erzählt nun Javier Cercas. Er macht die Männer, die Spanien - nicht alleine - vor der Wiederkehr des Franquismus retteten, nicht zu den Helden, die sie auch nicht sind. Vielmehr geht es ihm um die historische Entscheidungssituation und diese Figuren gerade in ihren Ambivalenzen. Was dabei herauskommt, ist für den Rezensenten dann eben nicht weniger als ein großes romanhaft-historisches Werk. Im Deutschen trägt dazu auch die hervorragende Übersetzung durch Peter Kultzen bei, wie der Rezensent hervorhebt.
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