Jachym Topol

Ein empfindsamer Mensch

Roman
Cover: Ein empfindsamer Mensch
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
ISBN 9783518428641
Gebunden, 494 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Eine tschechische Künstlerfamilie, eine Art Living Theatre, gastiert beim Shakespeare Festival in Großbritannien und wird von Brexit-Anhängern aus dem Land gejagt (LEAVE MEANS LEAVE! NO CZECH VERMIN!). Im Campingwagen reisen sie quer durch Europa, gegen den Strom der Flüchtlinge, Richtung Osten. Sie geraten ins russisch-ukrainische Kriegsgebiet, treffen Gerard Depardieu, klauen ihm seinen BMW und machen sich auf den Heimweg nach Böhmen. Ihre Odyssee führt durchs "Labyrinth der Welt" und ins "Lusthaus des Herzens". Topols Roman spielt 2015 und nimmt Motive aus seiner mitteleuropäischen 1989er-Road-Novel "Die Schwester" auf, mit der Topol als junger Dichter berühmt wurde. Damals reisten seine Helden durch eine Landschaft nach dem Ende des Ost-Westkonflikts, die ihnen die Lavabrocken der Vergangenheit vor die Füße schleuderte - alles war in Bewegung, die einst geschlossenen Gesellschaften brachen auf in eine ungewisse, aber lockende Freiheit. Heute vermisst Topol erneut Europa, einen Kontinent, der wieder Mauern hochzieht und sich in nationalistische Träumereien verkriecht, während die Suche nach dem Sinn menschlichen Daseins und der eigenen Identität immer weiter geht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.06.2019

In "Ein empfindsamer Mensch" schickt Autor Jáchym Topol eine tschechische Schauspielerfamilie im Wohnwagen durch alle Missstände des gegenwärtigen Europas, erzählt Rezensent Jörg Plath: Fälschlicherweise als "polnisches Gesindel" aus dem vom Brexit erschütterten England vertrieben, landet sie im ukrainischen Kriegsgebiet, um letztlich in Tschechien ein heruntergekommenes Dorf Heimat nennen zu müssen. Mit all ihren fantastischen und satirischen Momenten, bei denen beispielsweise der entführte "Scherar Depardiö" seinen Auftritt hat, erinnert die Geschichte den Kritiker an eine Mischung aus "großem Kasperletheater und Ritterroman", deren beißende politische Untertöne Plath als heilsames Gegengift für den derzeitigen Zustand der EU dankbar einnimmt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.05.2019

Nadja Erb kennt und mag diese Dissidenten-Typen schon, wie sie Jachym Topol so gerne zeichnet. Wenn der Autor eine tschechische Schaustellerfamilie durch ein Europa jagt, das aus den Fugen scheint und voller Gewalt, achtet sie vor allem auf genau gezeichnete Nebenfiguren und die Perspektive des empfindsamen Erzählers. Eine Welt am Rand der bürgerlichen Existenz tut sich auf, erläutert sie, und ein entmenschlichtes Europa, das auch der Autor nicht zu kurieren weiß, aber mit einer Sprachgewalt zu beschreiben, die von Eva Profousova laut Erb gekonnt ins Deutsche übertragen wurde.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 20.05.2019

Katharina Teutsch gehört zu den Bewunderern des tschechischen Schriftstellers Jachym Topol, der mit "Die Schwester" 1994 den großen Wenderoman vorlegte, auf den man hierzulande noch immer warte. Mit seinem neuen Werk habe Topol sich noch einmal selbst übertroffen. "Der empfindsame Mensch" erzählt in pikaresker Manier von einer durch Europa ziehenden Schaustellerfamilie und verhandelt dabei nicht weniger als die Frage, was von all den Hoffnungen und Versprechungen der Samtenen Revolution von 1989 geworden sei. Dass all den Raufbolden, Zuhältern und Hurenböcken in diesem Roman eine recht raubeinige Sprache eigen ist, schreckt Teutsch nicht. Sie weiß, dass sich hinter diesem Mummenschanz literarische und intellektuelle Empfindsamkeit verbirgt, die von Eva Profousova hervorragend ins Deutsche übertragen sei.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 26.04.2019

Jörg Plath scheint sich gut amüsiert zu haben mit Jachym Topols pikareskem Gegenwartsroman. Politisch ist der Text für Plath insofern, als der Autor eine tschechische Künstlerfamilie quer durch Europa schickt und an ihren Begegnungen zeigt, wie engstirnig es inzwischen auf dem Kontinent geworden ist. Wenn Topol mitunter ins Mythische driftet, um historische Traumata zu verhandeln, wenn er Ritterroman und Kasperletheater miteinander verschneidet und nie das Lachen vergisst, fühlt sich Plath klug unterhalten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.03.2019

Rezensentin Birthe Mühlhoff ist ganz aus dem Häuschen angesichts von Jachym Topols Roadnovel über eine Kleinkünstlerfamilie auf der Flucht durch Osteuropa. Wer dabei alles auf der Strecke bleibt, kann die Rezensentin gar nicht mehr sagen, Gerard Depardieu jedenfalls ist einer von ihnen. Das Figurenarsenal aus Glücksrittern und Hasardeuren im Buch betört Mühlhoff ebenso wie der Handlungsverlauf, obgleich beides eigentlich nicht dazu angetan ist, Sympathien zu wecken, wie sie zugibt. Da wird gesoffen, gelitten, erschlagen, ertrunken und erschossen, was das Zeug hält, warnt sie. Dass man das Buch dennoch zur Nacht lesen kann, liegt laut Rezensentin an Topols charmanter, leichter Sprache, die Eva Profousova für Mühlhoffs Empfinden genial übertragen hat.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2019

Rezensent Tilman Spreckelsen bespricht diesen Roman zusammen mit Jaroslav Rudis' gleichzeitig erschienenem Roman "Winterbergs letzte Reise". Der Vergleich bietet sich an, denn bei beiden handelt es sich um Reiseromane, und beide versuchen eine Reflexion über Mitteleuropa nach 1989. Beiden Autoren attestiert der Rezensent ein waches Gespür für den neuen Nationalismus in den mitteleuropäischen Ländern. Was Duktus und Humor angeht, unterscheiden sich beide Romane laut Spreckelsen aber sehr deutlich: Rudis' Witz sei eher sanft, Topols Humor dagegen grotesk. Anders als bei Rudis geht es in "Ein empfindsamer Mensch" für die herumreisende tschechische Schauspielerfamilie eher wild zu: Ukrainische Mafia spielt eine Rolle, eine Protagonistin verliert ein Auge, einer der Söhne wächst nicht über Babyformat hinaus. Kurz, Mitteleuropa ist "vermintes Gelände". Spreckelsen enthält sich eines abschließenden Urteils, aber man merkt, dass ihm die Lektüre Spaß gemacht hat: Um Mitteleuropa müsse man sich Sorgen machen, um seine Literatur aber nicht.
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