Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek. Eine neue Lesart des politischen Grundkonflikts hat sich durchgesetzt: Nicht mehr der Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus bestimmt den Lauf der Geschichte, sondern eine Spaltung zwischen einem säkularen, "westlichen" Weltbild und einer religiös oder indigen geprägten Gegenperspektive. Diese Vorstellung prägt nicht nur konservative Ideologien, sondern auch emanzipatorische Bewegungen, die indigene Lebensformen als Widerstand gegen die zerstörerische Logik des Kapitalismus idealisieren. Doch ist der Westen wirklich der Ursprung von Krieg und Herrschaft? Und bieten indigene Praktiken zwangsläufig ein Gegengewicht zum Kapitalismus?In seiner vielschichtigen, bis in die Gegenwart reichenden Analyse Der Westen, die Indigenen und wir wirft der Philosoph und Talmudist Ivan Segré den Blick auf drei zentrale Entwicklungen der Moderne: die Entstehung des Kapitalismus, die Kolonisierung Amerikas und den transatlantischen Sklavenhandel. Er zeigt, dass nicht der "westliche Rationalismus" die treibende Kraft der Geschichte war, sondern ökonomische Raubstrukturen und die Dynamik der Fremdenfeindlichkeit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2025
Rezensent Achim Landwehr wird nicht allzu glücklich mit Ivan Segrés Geschichtsgroßdeutung. Der französische Philosoph knöpft sich hier den Westen vor, ist zu lesen, insbesondere mit dessen Rolle in der Neuzeit ab dem 1. Jahrhundert. Anders als etwa für Huntington ist für Segré die Besonderheit des Westens nicht in Faktoren wie Zivilisation zu suchen, sondern im unbedingten Willen zur ökonomischen Ausbeutung, zu dem sich schließlich in Gestalt des Sklavenhandels auch noch der Rassismus gesellt - die Eroberung der Amerikas wird bei Segré zum Fanal des Westens. Wichtige Punkte trifft der Autor da durchaus, gesteht Landwehr zu, dennoch hat er zwei schwerwiegende Einwände. Zunächst einmal lasse Segré schlicht zu viel weg, Wissenschaft und Technik etwa interessieren ihn schlicht nicht, stattdessen springe er mit Vorliebe wild zwischen wohlbekannten Gemeinplätzen hin und her. Außerdem missfällt Landwehr auch die Form des Buches. Segré zitiert viel und lang, den Kommentaren ist nicht immer wirklich zu entnehmen, wie der Autor sich zu den Zitaten verhält, außerdem ist sein Buch weitgehend unstrukturiert und schlicht zu lang, schimpft der Rezensent und schließt: Ein anstrengendes und letztlich wenig hilfreiches Buch.
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