Irena Brezna

Die undankbare Fremde

Roman
Cover: Die undankbare Fremde
Galiani Verlag Berlin, Berlin 2012
ISBN 9783869710525
Gebunden, 140 Seiten, 16,99 EUR

Klappentext

Im Jahr 1968 beginnt Irena Brežnás Roman, der auf engstem Raum Verletzung und Aufbegehren, Spott und Hohn, schwarzen Humor, Poesie, Menschlichkeit und Versöhnung vereint. Die Erzählerin verschlägt es in die Schweiz, einen sicheren Hafen von bizarrer Saturiertheit, ein von Zäunen verstelltes Paradies voller Ordnungshüter und Kehrmaschinen - zu viel Widerspruch für ein Mädchen wie sie. Als Heranwachsende rebelliert sie gegen das Gastland, das sie unter seine Regeln zwingt und sie nicht sie selbst sein lässt. Wie Mini-Romane, Kondensate paradoxen Lebens, sind Szenen durch das gesamte Buch gestreut, in denen die Erzählerin als Dolmetscherin zwischen Emigranten und Behörden fungiert. Sie trifft auf eine Phalanx von Gestrandeten, die hoffen, etwas aus ihrem Leben machen zu können: Kleine Diebe, Depressive, Schlawiner, Kriegsflüchtlinge, Ausgebeutete, Überangepasste und Naive.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.12.2012

Beim Lesen wurde Hans-Peter Kunisch Zeuge einer Veränderung: Wie die in Bratislava geborene Schweizer Schriftstellerin Irena Brezna sich von der aneckenden Migrantin zur buchpreiswürdigen und selbst die Schweizer Eigenheiten verteidigenden Eidgenossin wurde. Kunisch weiß, die Schweizer lieben ihre Migranten wie nie, und erst recht Migrantenprosa, bei der sie sich "nicht ohne protestantische Selbstgeißelungslust" ihre eigene Sterilität zu Gemüte führen. Kunisch erklärt die Feinheiten: Brezna sei sprachlich gelenkiger als Abonji, weniger blumig als Florescu und schärfer im Ton als beide. Zu diesem Schluss kommt der Rezensent nach Lektüre der chronologischen Bekenntnisse Breznas über die bleierne Zeit in der Schweiz der 70er und über ihre spätere Arbeit als Dolmetscherin. So aufschlussreich der Text für Kunisch auch ist, so richtig aktuell scheinen ihm die "planen Gegenüberstellungen" von Schweizern hier, Immigranten dort, dann doch nicht zu sein.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2012

Dramaturgisch eher uninteressant findet Jürg Altwegg den autobiografischen Essay der aus Tschechien stammenden Schweizerin Irena Brezna. Allerdings geht es darum nicht so sehr, wie Altwegg mitteilt. Vielmehr bietet ihm die Summe der scharf beobachteten und sprachlich klar gefassten Szenen ein spannend zu lesendes Porträt der Schweiz. Was die Journalistin Brezna, die laut Altwegg mit Ilma Rakusa und Melinda Nadj Abonji zu den großen Einwanderinnen der Schweizer Literatur gehört, aus der Auseinandersetzung mit ihrem Exil und ihren Erinnerungen an Beobachtungen und Vergleichen zwischen der alten und der neuen Heimat im Kalten Krieg zutage fördert, hat Altwegg in seiner Differenziertheit überzeugt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.07.2012

Obwohl der Rezensentin Astrid Kaminski dieser schmale Band über einen Flüchtling aus der Tschechoslowakei sehr sympathisch ist - ganz uneingeschränkt empfehlen kann sie ihn nicht. Dafür zerfällt ihr das Buch zu stark in zwei nicht recht zusammenpassende Teile. Im ersten erzählt Irena Brezna von einer Tschechin, die es vor 1971 - Frauen dürfen noch nicht wählen - in die Schweiz verschlägt, wo sie offenbar mit allerlei unschönen Sitten konfrontiert wurde (Katzen füttern war ja sogar im Ostblock erlaubt!) Im zweiten Teil arbeitet die Erzählerin als Dolmetscherin in einer Ausländerbehörde, und auch hier zeichnet sie offenbar kein allzu freundliches Bild von den Schweizern. Leider, so Kaminski, geht das Verfahren auch sprachlich nicht ganz auf.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.05.2012

Zwiespältig ist Sibylle Birrers Eindruck vom dritten Roman Irena Breznas, die darin auch eigene Emigrationserfahrungen verarbeitet, wie die Rezensentin erklärt. Wie ihre Protagonistin ist die Autorin achtzehnjährig mit ihrer Familie in den 1960er Jahren von der Tschechoslowakei in die Schweiz emigriert. Im Roman lässt sie ihre Hauptfigur intensiv mit den Erfahrungen der Emigration hadern, wobei sie ihr eine zweite Erzählerstimme zur Seite stellt, die zwischen den Kulturen zu vermitteln sucht, erklärt die Rezensentin. Gerade in dieser Teilung zwischen gefühlsgeladenem Erlebnisbericht und vermittelndem Kommentar macht Birrer den Reiz wie auch eine gewisse Irritation bei der Lektüre fest. Denn der steten "Reibung" der Hauptfigur an den Schweizer Eigenheiten gibt die Kommentarstimme zwar "aufwühlende Aktualität", zugleich aber führt sie vor Augen, wie stark die Hauptfigur ihrer ablehnenden Haltung verhaftet ist, die sie erst ganz zum Schluss und dann für die Rezensentin nicht ganz plausibel aufgibt. Birrer hat durchaus schillernde Sätze in diesem Roman gefunden, in denen sie sich als Schweizerin erkannt und vielleicht auch entlarvt sieht. Zunehmend aber wird ihr das Pochen auf das "Recht aufs Fremd- und Anderssein", das die Protagonistin betreibt, zu plakativ und insistent, und sie hätte sich gerade für die aktuelle Debatte um Integration eine weniger starre Haltung der Hauptfigur gewünscht.