Alain Claude Sulzer

Zur falschen Zeit

Roman
Cover: Zur falschen Zeit
Galiani Verlag Berlin, Berlin 2010
ISBN 9783869710198
Gebunden, 240 Seiten, 18,95 EUR

Klappentext

Es ist die Uhr am Handgelenk seines Vaters, die ihn aus unerfindlichen Gründen plötzlich interessiert. Siebzehn Jahre lang hatte das Foto, auf dem der Vater sie trägt, wenig beachtet im Regal in seinem Zimmer gestanden. Gekannt hatte er seinen Erzeuger nicht, die Mutter hatte ungern von ihm erzählt. Doch jetzt, mit siebzehn, erwacht seine Neugier. Es ist das Bild eines professionellen Fotografen, die Uhr aber steht auf Viertel nach sieben. Welcher Berufsfotograf macht zu solch einer Zeit Bilder? Der Erzähler beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen. Auf der Rückseite des Porträts findet er eine Pariser Adresse - und stellt mit Erstaunen fest, dass der Fotograf sein mysteriöser Patenonkel ist, der sich seit der Taufe nie mehr gemeldet hat. Ohne die Mutter oder den Stiefvater in seine Pläne einzuweihen, hebt er all sein Geld ab, hinterlässt einen knappen Abschiedsbrief und reist nach Paris. Dort gerät er auf die Spur der wahren Geschichte seines Vaters.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.12.2010

Voll des Lobs ist Tobias Heyl für Alain Claude Sulzers Roman "Zur falschen Zeit". Das Buch erzählt für ihn raffiniert die Geschichte eines Siebzehnjährigen, der auf die Suche nach seinem leiblichen Vater macht und nach und nach herausfindet, dass dieser in den 60er Jahren als Homosexueller ein Doppelleben führen musste, an dem er schließlich zerbrach. Heyl weist darauf hin, dass der Roman vor fünfzig Jahren spielt und dass es ein Jahrzehnt später etliche Romane über die Suche nach dem Vater, nach der Mutter, nach der sexuellen Identität gab. Diesen heute meist vergessenen Werken zollt er nachträglich Respekt, erklärt aber auch, dass sie vor allem gut gemeint waren. Demgegenüber scheint ihm Sulzers Roman "perfekt gearbeitet". Er attestiert dem Autor, die kleinbürgerliche Welt der sechziger Jahre realistisch und beklemmend, auf eine "geradezu altmeisterliche Art" einzufangen. Besonders hebt er hierbei die gekonnte Brechung der Chronologie der Erzählung durch Rückblenden und Vorwegnahmen hervor.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.11.2010

Von einem meisterlich komponierten und äußerste diskret erzählten Roman spricht Hubert Winkels. Es handelt sich, so der Kritiker, um die langsame Enthüllung über Leben und Tod des Vaters eines 17-Jährigen, der diesen nie kennenlernte und dessen Spurensuche dieses Buch erzählt. Ausgehend von einer Fotografie, die den unbekannten Vater mit einer Uhr am Handgelenk zeige, mache sich der Sohn auf die Suche, um schließlich das Drama seines homosexuellen Vaters zu enthüllen, der sich vor seiner Geburt das Leben genommen hat, lesen wir. Die Art, wie Alain Claude Sulzer aus Winkels' Sicht den "Rausch des Unsagbaren" umkreist, hat für ihn "etwas Kleistisches". Denn immer werde Distanz gewahrt, selbst noch bei der Beschwörung des todesnahen Liebeswahns des verlorenen Vaters. Dieser Autor "legt Wert auf stilistische Contenance", stellt Winkels fest, und sei nicht bereit, die Eleganz der erzählten Raserei zu opfern.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.09.2010

Alexandra von Arx zeigt sich sehr eingenommen von Alain Claude Sulzers Roman "Zur falschen Zeit". Die Familiengeschichte - es geht um einen 17-Jährigen, der in der Schweiz der 50er Jahre nach seinem Vater sucht und feststellt, dass dieser homosexuell war - zeichent für sie ein eindringliches Porträt einer Zeit, einer Familie und eines homosexuellen Mannes. Zentrales Thema des Buchs scheint ihr die Frage nach dem Einfluss von Gesellschaft und Familie auf die individuelle Biografie zu sein. Sie schätzt die genauen Beobachtungen des Autors, seine "virtuose Sprachakribie" sowie die gekonnte Dramaturgie des Romans, dank der das Werk eine starke Sogwirkung entfaltet. Allenfalls das Einschalten eines allwissenden Erzählers in der Mitte des Buchs, der den Blick des Sohns auf das Leben des Vaters jäh unterbricht, ist ihres Erachtens überflüssig. Ansonsten lobt sie "Zur falschen Zeit" als "packenden, sprachmächtigen Roman".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2010

Dieses Buch, seufzt der Rezensent Joseph Hanimann, ist nicht so gut, wie es sein könnte. Spannend ist es, zur Seite legen konnte er es nicht, aber trotzdem: Es gibt ein grundsätzliches Problem. Erzählt wird die Geschichte eines siebzehnjährigen Sohns, der der Geschichte seines Vaters - der nicht lange nach dem Krieg Selbstmord beging - auf die Spur kommt. Tastend, vorsichtig zunächst. Bis dann aber Sulzer einfach so ganz unsubtil zurückspringe in der Zeit und dem Leser damit einen gewaltigen Wissensvorsprung gegenüber der bis dahin verbindlichen Sohnes-Erzählperspektive verschafft. Von da an gehe es munter hin und her, eine Gegenwartsebene gibt es auch noch, vieles, ja, zu vieles, wird "angerissen", aber nicht weitergeführt. Unerfreulich außerdem der Umgang mit den Frauenfiguren. Und doch kann Hanimann das eine nicht leugnen: der Roman, der der eines Könners ist, "fesselt" ihn, ob er will oder nicht.
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