Henning Ritter

Nahes und fernes Unglück

Versuch über das Mitleid
Cover: Nahes und fernes Unglück
C. H. Beck Verlag, München 2004
ISBN 9783406521867
Gebunden, 244 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Henning Ritter begibt sich in seinem Essay auf die Suche nach den Anfängen der Ungewissheit über unsere moralische Zukunft. Er macht uns dazu vertraut mit einigen Figuren und Gedankenspielen von Balzac, Diderot und Rousseau, die einzig dazu ersonnen wurden, auf die moralischen Verwirrungen zu reagieren, die uns in der Moderne abverlangt werden: ein Mandarin in Peking, dessen Vermögen dem zufallen soll, der ihn über riesige Entfernung hinweg und durch bloße Willenskraft tötet; ein Philosoph, der sich die Ohren verstopft, damit er die Schreie des Unglücklichen nicht hört, der unter seinem Fenster ermordet wird. Bis hin zu Dostojewski, Freud und Jünger zieht sich die Spur dieser und anderer agents provocateurs der Moral, die uns auf die Probe stellen. Sind wir in einer globalisierten und kommerziell organisierten Welt dazu fähig, das Mitleid mit dem Leiden der Welt auszudehnen, oder zerfällt unser Ethos in eines für das nahe und eines für das ferne Unglück?

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.02.2005

Ulrich Greiner preist diese Untersuchung zum Mitleid und der daraus resultierenden Verpflichtung zu helfen von Henning Ritter für ihre vielen "erhellenden Einsichten". Gerade im Globalisierungszeitalter sind viele Menschen mit dem "Mitleidsgebot" überlastet, meint der Rezensent, der in dem Buch Antworten auf "knifflige Fragen" der Mitleidsethik gefunden hat. Ritter gelinge es zudem anhand von historischen Exkursen, beispielsweise zu Adam Smiths "Theorie der moralischen Empfindungen" von 1759, wichtige "sozialtheoretische" Entwürfe" verständlich zu machen, lobt Greiner angetan. Daneben bietet die Abhandlung aber auch eine "kleine Geistesgeschichte der Entstehung der universellen Moral", streicht Greiner begeistert heraus, der die "zurückhaltende Eleganz" der Sprache des Autors preist. Ritter gibt dem verunsicherten Leser hilfreiche Begriffe an die Hand, mit dem dieser das "verwirrende Dilemma" einer verbreiteten Forderung nach einer "weltumspannenden Moral" durchdringen kann und er gibt ihm zudem Hinweise, wie er sich dazu verhalten kann, lobt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.01.2005

Recht gelehrt erscheint Uwe Justus Wenzel diese Abhandlung Henning Ritters über "Nahes und fernes Unglück". Ritter gehe es darum, Zweifel an einer "Moral der Einfühlung" zu nähren, zumal diese beanspruche, eines Tages die Welt umspannen zu können. Demgegenüber wolle Ritter die "unbehagliche Zone jenseits moralischer Gewissheiten" (Ritter) betreten, in der sich bereits vor zweihundert und mehr Jahren diejenigen bewegt hätten, die gegenüber einer "Globalisierung der Moral" skeptisch gewesen seien. Die "stärksten Gedanken" habe der Autor bei Denkern ausgemacht, die "das Bündnis mit der Rationalität" in Frage stellen und für eine "entschlossene Regionalisierung der Vernunft" plädieren. Zu Wenzels Bedauern, erfahre der Leser nirgendwo, was "Regionalisierung der Vernunft" unter heutigen Bedingungen bedeuten soll. "Vielleicht ist Henning Ritter, bei aller moralischen Ungewissheit, sich in einem Punkt allzu sicher", kommentiert Wenzel, "dass nämlich die 'Idee der Menschheit' von einem ihr innewohnenden 'latenten Terrorismus' für alle Zeit unbrauchbar gemacht worden sei."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.12.2004

Weder Rousseau noch Diderot wollten so recht an das Mitleid glaube, führt uns Rezensent Rüdiger Zill ins Thema ein, doch der größte Skeptiker des Mitgefühls war wohl Adam Smith: Auf Mitleid lasse sich keine Moral aufbauen, es nütze den Leidenden in der Ferne nicht und stürze uns selbst nur in Verwirrung. Es war wohl der zunehmende Kontakt mit fernen Kulturen, der die Philosophen des 18. Jahrhunderts von ihren bisherigen gott- oder naturgegebenen Moralvorstellungen abrücken ließ, erklärt Zill weiter, eine Erfahrung, die uns bekannt sein dürfte, weswegen ihm ganz gelegen kommt, dass Henning Ritter diesen moralphilosophischen Diskurs aufgreift. Dabei rekonstruiert Ritter nicht die großen Thesen, sondern spürt nach, wie sie sich in den Anekdoten und Parabeln niederschlugen. Daran knüft er Gedankenexperimente an, die nach Einschätzung des Rezensenten die eigene Skepsis gegenüber der zivilisierenden Kraft des Mitleids deutlich spüren lassen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.10.2004

Kein Ort der Welt liegt zu weit entfernt, kein Unglück dieser Welt bleibt uns verborgen: das Medienzeitalter, behauptet Jens Bisky, beschert uns eine "Ethik der grenzenlosen Einfühlung", von der das DRK und andere Hilfsorganisationen profitierten. Es gibt und gab auch früher schon Skeptiker gegenüber dieser unbegrenzten Einfühlungs- und Hilfsbereitschaft; Bisky führt Arnold Gehlen als Beispiel an, der sich über eine "überdehnte Hausmoral" mokierte. Diderot, Rousseau, Dostojewski, Jünger und Freud heißen die anderen Autoren, die sich literarisch oder philosophisch mit Moralaposteln und -skeptikern auseinandergesetzt haben und naturgemäß zu sehr verschiedenen Schlüssen gekommen sind. Henning Ritter, FAZ-Redakteur, hat mit "Nahes und fernes Unglück" einen Essay im besten Sinn geschrieben, freut sich Bisky, leicht geschrieben und ohne Scheuklappen. Ritter gibt auch keine Antwort auf die aufgestellten Fragen, sagt Bisky, sondern zeichne eine Karte der "moralischen Geografie". Das aufregendste Kapitel ist den Differenzen zwischen Diderot und Rousseau gewidmet, berichtet Bisky und schwächt seinen Enthusiasmus zum Schluss insofern ab, als er Ritters geschichtsphilosophischen Ausflug einen "großartigen Prolog" nennt, dem eine Analyse der heutigen Lage dringend folgen müsse.
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