Klappentext

Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens. Zwei Hausangestellte vom Obersalzberg, Hitlers Refugium, erzählen eine unglaubliche Geschichte: Adolf Hitler und Eva Braun hatten einen Sohn, Siegfried, den Hitler gegen Ende des Nationalsozialismus erschießen ließ. Ein spannender Roman, der nach der Ursache des Bösen sucht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.11.2001

Wohlwollend betrachtet, könnte die Grundaussage des neuen Romans von Harry Mulisch über einen Sohn Hitlers, den der fanatische Vater wegen seiner jüdischen Wurzeln aus der Familie Eva Brauns umbringen ließ, die sein, dass man an einem Nichts, einem Menschen, der aus nichts als Ideologie besteht, nur verglühen kann, wenn man ihm zu nahe kommt, grübelt Stephan Krass. So ergeht es zumindest dem Protagonisten Rudolf Herter, einem Abbild des Autors. Der Rezensent hatte das Gefühl, Plot, Sprache und Konstruktion des Roman nähmen ihn mit auf die abenteuerliche Erklimmung einer literarischen Steilwand, wo die Sprache auf dem Boden bleibt, die Konstruktion auf halber Höhe stagniert und nur einzig der Autor den Gipfel erstürmt und sich der Leser angesichts schwindelnder Höhen und dünner Luft vorsehen muss, seinen Atembeklemmungen nicht zu erliegen. Schade, denkt Krass, dass es Mulisch nötig hat, den Leser so sehr im Unklaren darüber zu lassen, ob er ihn als Gegenüber ernst nehmen oder nur als Projektionsfläche für eigene literarische Großmannssucht benutzen will.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.10.2001

Zwei Dinge will Thomas Steinfeld festhalten: So klein wie es scheint, ist dieses Buch beileibe nicht, und seine Geschichte ist alles andre als einfach. Verwegen ist sie, "ja vermessen bis an die Grenze dessen, was Literatur sein kann." Um diese Gratwanderung ist es Steinfeld zu tun. Dem Gröfaz, dem Gesicht des Holocaust fiktives Leben einzuhauchen, geht das überhaupt? Es geht nicht, meint Steinfeld. Adolf Hitler ist kein Wallenstein, kein Napoleon, und das Buch darum weniger ein Roman als "eine fiktive Versuchsanordnung mit historischem Material." Was Mulisch vorlegt, für den Rezensenten gleicht es "einer geheimen Ökonomie des Grauens ... auf der Grenze zwischen Literatur und Philosophie, Fiktion und Wirklichkeit," einer beeindruckenden allerdings.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2001

Harry Mulisch ist besessen von Hitler, behauptet Norbert Wehr und erklärt sich diese Obsession durch die Biografie des Autors. Wehr schildert die lange Vorgeschichte, die zu diesem Roman geführt hat: Mulisch, Kind einer jüdischen Mutter und eines österreichischen Offiziers, Mulisch als Beobachter beim Eichmann-Prozess, Mulisch zu Besuch bei Albert Speer. Der Autor kam zu ungewöhnlichen Erkenntnissen, frei von moralischen Tabus, schreibt der Rezensent; allerdings gelang es Mulisch damals nicht, aus dem Stoff einen Roman zu machen. Weshalb sich im nun vorliegenden Buch viele Anspielungen auf diesen ungeschriebenen Roman finden. Auch in "Siegfried" geht es um eine Hitler-Obsession, erklärt Wehr. Der Protagonist geht der Frage nach, was passiert wäre, wenn Eva Braun und Adolf Hitler einen Sohn gehabt hätten. Für Wehr entpuppt sich der Roman auf raffinierte Weise als "schwarzes Loch", das alle Fragen aufsaugt, auch die, wer denn nun Hitler eigentlich gewesen ist. Darauf gebe Mulisch höchst kunstvoll keine Antwort, meint der Rezensent. Ein Kompliment.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.10.2001

Harry Mulischs Idee, Hitler einen Sohn namens Siegfried anzudichten, den der besessene Vater umbringen lässt, weil er an Eva Brauns arischer Abstammung zweifelt, findet Jens Jessen reichlich bizarr. Das "dichterische Spiel mit dem antisemitischen Wahn", gibt der Rezensent zu bedenken, wird den tatsächlichen Opfern und ihren Angehörigen vermutlich unangenehme Gefühle bereiten. Denn man fragt sich, so Jessen, was damit demonstriert werden soll. Heikel erscheint Jessen auch die Konstruktion des Romans. Mulisch hat einen Erzähler namens Rudolf Herter geschaffen, einer, der voller Besessenheit den Charakter Hitlers zu ergründen sucht. Nur bleibt für Jessen unklar, inwieweit der Leser den Erzähler zur Kenntnis nimmt oder Mulisch selbst. Jessen mag sich nicht darauf festlegen, was er von Herters respektive Mulischs "philosophisch-theologischem Delirium" halten soll. In jedem Fall handle es sich hier um ein giftiges Stück Literatur, allerdings nicht brillant geschrieben, sondern recht sorglos mit den konventionellen Mitteln des Romans. Der Rezensent überlässt es dem Leser, sich für eine der vielen Lesarten von "Siegfried" zu entscheiden und danach das Buch entweder für verwerflich oder für einen gefährlichen, aber aufschlussreichen Ansatz zu einer neuen Sicht auf Hitler zu halten.