Wenn Hans Maier beschreibt, wie aus Cäcilia, der jungen Märtyrerin aus der Zeit Marc Aurels, durch einen Übersetzungsfehler die Patronin der Kirchenmusik wurde und wie Goethe, Herder, Wackenroder und Kleist sie "unter die Deutschen" brachten, ersteht ein Stück erlebter Musik-, Literatur-, Kunst- und Theatergeschichte. Bachs einsame Gestalt wird ebenso sichtbar wie Händels internationale Wirkung. Und Mozart, in seinen Briefen betrachtet, wird als Persönlichkeit "durchsichtig bis ins Innerste hinein: kein selbstmächtiger Gestalter, sondern ein Mensch mit seinem Auf und Ab, ganz heutig und gegenwärtig, verletzlich und lebendig, als sei er unser Zeitgenosse". Die neu in diese Ausgabe aufgenommenen Beiträge reflektieren vor allem Phänomene der Musik- und Kulturgeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - bis hin zu aktuellen Fragen. Sie zeigen, dass Kultur und Bildung in der Gegenwart ohne demokratische Strukturen, ohne eine teilnehmende - mithörende - Öffentlichkeit nicht gedeihen können.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 07.01.2006
Angetan zeigt sich der "ab" zeichnende Rezensent von diesen Musik-Essays Hans Maiers. Am "gehaltvollsten" erscheinen ihm die Texte "Cäcilia unter den Deutschen" von 1994, in dem Maier den Ursprung der Heiligenlegende und ihre dichterischen Ableger bei Herder, Goethe, Wackenroder und Kleist beschreibt, sowie "Musikpoesie in Deutschland 1700-1900". Aber auch die weiteren Essays über einzelne Komponisten haben ihn überzeugt. Er würdigt insbesondere die Weitsicht Maiers, als er 1995 in seiner Rede zum hundertsten Geburtstag von Carl Orff in München die schwierige Frage der dunklen Zeiten in Deutschland und bei Orff nicht verdrängte.
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